21-Jähriger Südbadener entwickelt ein Tagebuch, das antwortet

Nikola Vogt

Früher wurden Tagebücher mit Stift und Papier geschrieben – jetzt gibt es ein Online-Tagebuch, das dem Schreibenden sogar antwortet. Entwickelt hat es Daniel Kemen aus Bad Krozingen.



Herr Kemen, Sie haben ein Tagebuch entwickelt, das von anderen Menschen gelesen und beantwortet wird. Aber schreibt man nicht gerade deshalb Tagebuch, weil man manche Gedanken eben nicht teilen möchte?

Kemen: Es gibt Menschen, die ihre Gedanken tatsächlich mit niemandem teilen möchten und sie lieber in ein Tagebuch schreiben, klar. Aber es gibt auch Menschen, die niemanden haben, mit dem sie ihre Gedanken teilen könnten. Oder, die sich schämen, über ihre Probleme zu sprechen. "Was denken meine Freunde von mir, wenn in denen erzähle, dass ich mich verletze?" So etwas zum Beispiel.

Und aus dieser Beobachtung heraus entstand die Idee zu dem Projekt?

Ja, genau für diese Menschen gibt es unser Tagebuch, das antwortet. Wir nehmen die Leute so an, wie sie sind. Keine Vorurteile. Mein Tagebuch hört mir immer zu und zeigt Verständnis. Wir haben also eine Testversion des Tagebuchs hochgeladen und bereits am dritten Tag so viele Einsendungen bekommen, dass wir mit unseren Kapazitäten nicht mehr hinterherkamen. Da haben wir gesagt, okay, wir bauen das aus, wir machen einen Verein draus und machen das Projekt noch mehr Menschen zugänglich.

Und wer genau ist das Tagebuch? Wer steckt hinter den Antworten?

Das sind unsere ehrenamtlichen Vereinsmitglieder, aktuell sind es rund 20 komplett unterschiedliche Leute zwischen 16 und 65 Jahren. Viele kommen aus der Region, aber nicht alle.

Was motiviert diese Leute dazu, in ihrer Freizeit als lebendiges Tagebuch zu fungieren?

Na ja, zunächst einmal ist es eine ehrenamtliche Arbeit, für die man weder orts- noch zeitgebunden ist, was natürlich Vieles erleichtert. Es sind viele dabei, die sagen, dass sie schon immer gerne etwas Soziales machen wollten, aber bisher nie die Zeit dafür hatten. Manche sagen auch, dass sie selbst mal in einer Situation waren, in der sie sich über solch ein Hilfsangebot gefreut hätten. Es sind Leute mit unterschiedlichsten Hintergründen und genau darin sehen wir unsere Stärke.

Weil auch die Tagebuchschreiber so unterschiedlich sind?

Genau. Uns schreibt so ziemlich jeder – vom 13-jährigen Mädchen bis zum 60-jährigen Mann. Im Durchschnitt lässt sich sagen, dass drei Viertel der Einträge von Frauen stammen. Der Altersdurchschnitt liegt bei zirka 29 Jahren. Und da gibt es wirklich kein Problem, das es nicht gibt.

Was sind denn häufige Themen?

Am meisten sind es psychische Krankheiten, Depressionen, Liebe und Beziehung.

Ist es da nicht mitunter gefährlich, als Laie Ratschläge zu erteilen?

Das ist definitiv schwierig. Aber ich möchte klarstellen, dass wir mit dem Tagebuch keinerlei Therapieangebot darstellen. Das ist gar nicht unser Anspruch. Es geht darum, zuzuhören, Mut zu machen, Hilfsangebote aufzuzeigen. Wir ermutigen dazu, sich professionelle Hilfe zu holen, vermitteln Beratungsstellen.

Werden die Ehrenamtlichen dennoch speziell geschult?

Ja, es gibt zunächst ein kleineres Aufnahmeverfahren, an dem sie sich versuchen können. Wir erklären beispielsweise, dass es wichtig ist, rhetorische Fragen zu vermeiden. Die wirken oft sehr vorwurfsvoll. Außerdem bekommen sie von uns einen Leitfaden an die Hand. Momentan versuchen wir auch mit Mitarbeitern der Universität Schulungen zu ermöglichen. Man muss schon ein bisschen was mitbringen, um diese Arbeit zu machen. Aber die Leute, die Interesse daran haben, machen das in der Regel auch sehr gut.

Wie kann ich sicher sein, dass mein Tagebucheintrag samt meinem Namen nicht plötzlich im Internet kursiert?

Die Datensicherheit steht bei uns an allererster Stelle. Wer in das Tagebuch schreiben möchte, muss nur irgendeinen fiktiven Nicknamen, ein Passwort, sein Geburtsjahr und Geschlecht angeben. Wir fragen nicht nach einer E-Mail-Adresse. Die Antworten, die wir schreiben, werden nie veröffentlicht, auch nicht anonym. Weil uns der Datenschutz so wichtig ist, lehnen wir es auch ab, über Werbung Geld mit unserer Internetseite zu verdienen. Wir binden also nichts ein, was Daten an fremde Server verschicken könnte.

Existierte vor Ihrer Idee bereits so ein antwortendes Tagebuch irgendwo im Netz?

Nicht, dass wir wüssten. Es gibt natürlich ähnliche Varianten – zum Beispiel über das Telefon. Wobei ich persönlich denke, die Überwindung zum Telefonhörer zu greifen, ist für viele Menschen immens. Auch von Chat- oder E-Mail-Lösungen wollen wir uns ganz klar abheben. Ein Tagebuch ist nochmal etwas ganz anderes als eine E-Mail.

Persönlicher.

Viel persönlicher.

Und es scheint anzukommen. Sie haben die 1500er Marke bei der Zahl der Einträge bereits geknackt. Haben Sie damit gerechnet?

Aktuell liegen wir tatsächlich bei über 1500 Einträgen, wobei eine Person im Schnitt zwei bis drei Einträge schreibt. Dass es so schnell so viele würden, haben wir nicht erwartet. Wir haben den Verein ja erst Ende dieses Jahres gegründet. Wir machen kaum Werbung, haben kürzlich zum ersten Mal Flyer gedruckt. Die Leute reißen uns das komplett aus der Hand.

Wie erklären Sie sich das?

Wir holen die Leute da ab, wo sie sind. Das Hauptproblem ist, dass es den Leuten an Mut fehlt, sich professionelle Hilfe zu holen. Oder auch an Wissen. Was passiert denn überhaupt, wenn ich jetzt mit meinen Problemen zu einem Psychologen gehe? Was will der dann von mir? Wir sehen uns in der Vermittlerfunktion. Wir wollen die Leute an der Stelle erreichen, an der professionelle Hilfestellen sie nicht erreichen können.

Wird das Tagebuch bei dieser rasanten Entwicklung auf Dauer ehrenamtlich zu stemmen sein?

Nein, wenn es so weiter geht, ist es nicht mehr allein ehrenamtlich machbar. Wir wären schon jetzt an dem Punkt, an dem eine Halbtagskraft sinnvoll wäre. Wir haben 20 neue Einträge pro Woche, das alles muss organisiert werden. Was wir außerdem dringend bräuchten, wäre finanzielle Unterstützung – beispielsweise durch Sponsoring.

Wofür?

In unserem Verein gibt es keine Mitgliedschaftsgebühren. Allerdings haben wir Kosten – für den Server, die Bereitstellung der Seite, die Organisation, wir wollen wie gesagt professionelle Leute gewinnen, die für uns Fortbildungen organisieren. Das ist leider nicht alles umsonst, nur, weil wir gemeinnützig sind. Aber auch weitere Ehrenamtliche sind uns sehr willkommen. Entweder Menschen, die unsere Einträge beantworten möchten, oder auch solche, die sich anderweitig einbringen. Zum Beispiel ein Psychologe oder Steuerberater, der sich bereit erklärt, uns mit seinem Wissen in beratender Tätigkeit zu unterstützen. Da ist Vieles denkbar.

Zur Person

Daniel Kemen (21) wohnt in Bad Krozingen und ist IT-Berater und Entwickler bei der Firma Software-Design in Bad Krozingen. Er hat das Sorgen-Tagebuch gemeinsam mit Elisabeth Rohde aus Norsingen und Simon Gehri aus Hausen (beide 21 und Studenten) gegründet. Gemeinsam bilden sie das Vorstandsteam des gemeinnützigen Vereins, der im vergangenen September anerkannt und eingetragen wurde.

Das Sorgen-Tagebuch

Jeder Interessierte kann sich unter http://www.sorgen-tagebuch.de ein individuelles Online-Tagebuch erstellen und beim Versenden eines Eintrages wählen, ob dieser beantwortet werden soll oder nicht. Ein ehrenamtliches Team von Tagebuchautoren steckt hinter den Antworten, die in der Regel innerhalb von 14 Stunden verschickt werden. Das Angebot ist kostenlos.

Mehr dazu:

  [Foto: Ivan Kruk, Fotolia.com]