200 Jahre Chopin: Gedanken eines Abgewiesenen

Manuel Lorenz

In diesen Tagen feiert die Musikhochschule den 200. Geburtstag Chopins mit einem reichhaltigen Fest-Programm. Am Freitagabend gab's seine beiden Klavier-Konzerte, auf die fudder-Autor Manuel sich intensivst vorbereitet hatte. Und dann ging nix mehr: ausverkauft! Statt Rezension gibt's im Folgenden die Gedanken eines Abgewiesenen.



Ausverkauft. Gemeinsam mit 60 anderen Wartenden bilde ich eine Schlange, die sich durch das halbe Foyer der Freiburger Musikhochschule zieht. Der Kartenverkäufer schüttelt den Kopf, winkelt seine Arme an und dreht die Handflächen nach oben: Rien ne va plus, hier kommt heute niemand mehr rein, und sei er extra aus Tadschikistan angereist.


Dabei habe ich’s endlich mal geschafft, in die Oberau rauszufahren und sehe aus, wie aus dem Ei gepellt. Ich habe mich geduscht, rasiert und gekämmt, meinen Konfirmationsanzug rausgekramt und mir meine Lieblingskrawatte umgebunden: das türkisfarbene Ergebnis eines Seidenmalkurses, den meine Tante Mitte der 90er Jahre an der Volkshochschule Hanau absolviert hatte. Immerhin feiert Chopin seinen 200. Geburtstag – ein Anlass, den ich nicht im Schluffi-Outfit begehen will.

Die Musikhochschule wartet dazu zwei Wochen lang mit einem umfangreichen Chopin-Programm auf – heute Abend mit seinen beiden Klavierkonzerten und der Professorin Elza Kolodin als Solistin. Ich habe die letzten Tage damit verbracht, die Referenzeinspielungen jener Konzerte rauf und runter zu hören: Lipatti, Rubinstein, Pollini, Argerich, Pogorelich, Perahia, Arrau, und Zimerman. Ich habe mir bei Amazon die beiden Partituren gekauft, dieselben studiert und mit Bleistiftanmerkungen versehen. Ich hatte vor, in der ersten Reihe zu sitzen, auf dem einen Bein die aufgeschlagene Partitur, auf dem anderen mein Notizbuch.

Allein, ich habe die Rechnung ohne den Kartenverkäufer gemacht, der den Kopf schüttelt, seine Arme anwinkelt und die Handflächen nach oben dreht.

Vor und hinter mir steht das typische Musikhochschulpublikum: Musikstudenten aus Kasachstan, Korea und Kanada, die ihren Geigenkasten auf dem Rücken tragen und in akzentbelegtem Deutsch den neuesten Hochschultratsch austauschen; betagte Damen und Herren, die vermittels Chopin’schen Klang-Kalziums ihrem Gehörnknöchelchenschwund entgegenzuwirken gedenken; Eltern, die ihre lustlosen Kinder für die schwarz-weiße Tastenwelt begeistern wollen; und einsame Musikliebhaber, deren Leidenschaft für die kultivierten klanglichen Entäußerungen des Homo sapiens sie der Zivilisation entfremdet hat – jedenfalls lassen ihr fiebriger Blick und ihr vernachlässigtes Äußeres darauf schließen. Kurz: Menschen, die auf Bodenständigkeit setzen und den Inhalt der Verpackung vorziehen.

Ich bin bislang immer überall reingekommen. Sven Marquardt, der berühmt-berüchtigte Türsteher des Berliner Berghains, hat mich mehrmals in die heiligen Hallen des Techno eintreten lassen; und selbst die willkürlichen Druffi-Bouncer der Bar25 sahen nie Gründe, mir den Zutritt in ihr Spielparadies an der Spree zu verwehren. „Öffne das Schleusentor, HAL,“ höre ich mich Kubricks „2001“ zitieren und weiß doch genau, dass die Tür jener Arche namens „Konzertsaal“ versiegelt ist und erst wieder aufgetan wird, wenn die Sintflut des Alltags, vor der wir Ausgesperrten uns für anderthalb Stunden zu retten gedachten, uns hinweggespült haben wird.

Chopin ist das egal. Er sitzt als Skelett vor einer riesigen Geburtstagstorte, deren 200 Kerzen das kalte Totenreich unterhalb des Pariser Promi-Friedhofs Père Lachaise warm erhellen. Alle sind sie da: Balzac und Delacroix, Heine, der es ja vom Montmartre aus nicht weit hatte, Liszt, der den weiten Weg aus Bayreuth auf sich genommen hat, und selbst George Sand, Chopins große, am Ende unglückliche Liebe, die unter vorgehaltenen Handknochen noch schnell ein paar Festtagsverse schreibt.

„Happy Birthday to you“, stimmt der Kosmopolit Heine an und alle singen mit. Chopin ist gerührt. „Ünd maintenant“, fordert Liszt in gekünstelt französischem Akzent, „die Ker-zööön ausbla-sööön!“ Und noch bevor der Jubilar der Aufforderung nachkommen kann, springt Yulianna Avdeeva, die 25-jährige Gewinnerin des diesjährigen Warschauer Chopin-Wettbewerbs, aus der Torte, setzt sich an ein verstimmtes Klavier und klimpert drauflos: Der 3. Satz des 2. Klavierkonzerts – ein polnischen Volkstanz. „C’est bon, mignone!“ ruft ihr der Meister entgegen und eröffnet sogleich den Danse Macabre.

Im Foyer der Musikhochschule herrscht indes eine andere Art der Grabesstimmung: heruntergezogene Mundwinkel und hängende Gesichter. Auch ich bin down, hatte ich doch die ganze Woche über auf jenen Moment hingefiebert, wo im 1. Satz des 2. Klavierkonzerts das Klavier zum ersten Mal einsetzt. Drei Minuten lang spielt das Orchester lyrisch vor sich hin, stellt Thema und Gegenthema vor, und dann, plötzlich: BAMM! Das viergestrichene des schlägt ein wie O-Saft auf Zahnpasta und rattert in Oktavskalen bis aufs Kontra F runter.

Das ist wie wenn dir auf der Straße ein Mädchen entgegenkommt, du siehst schon von weitem, sie gefällt dir sehr gut, und dann, plötzlich, kommt der Augenblick, in dem sich eure Blicke kreuzen: BAMM! Und du weißt sofort, ob sie The One ist oder nur ein One Night Stand oder bloß ein Kumpel. Das ist wie wenn du im Club bist, dir ’ne Pille schmeißt und noch nicht weißt, auf welchen Trip sie dich schickt. Und plötzlich, nach 20 Minuten: BAMM! Und es ist Himmel, Limbus oder Hölle. Zu gerne hätte ich gewusst, was aus der Pianistin Elza Kolodin und mir geworden wäre und auf welchen Trip sie mich heute Abend geschickt hätte.

Stattdessen überlege ich mir einen effektvollen Abgang. Man sollte sich ja immer mit einem coolen Spruch verabschieden, und so lege ich mir im Kopf was zurecht. Die Leute stehen rum und diskutieren: im Friedrichsbau einen Film anschauen, noch was trinken gehen in den Augustiner oder bei irgendwem zuhause versacken. Ich drehe mich in die Runde und sage: „Scheiße. Ich bin extra aus Tadschikistan eingeflogen.“

Stille, Unverständnis, keiner lacht. Außer einer kleinen Blondine, die einen Geigenkasten auf dem Rücken trägt. Ich gehe an ihr vorbei, unsere Blicke kreuzen sich und – nichts

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