18 Stunden Arbeit am Tag: DJ Shuya Okino über sein Leben als Workaholic

Nele Harms

Er ist Club-Besitzer, Produzent, Buchautor, Komponist und DJ - fast nichts hat Shuya Okino in der Musikbranche unversucht gelassen. Heute Abend spielt er zusammen mit Rainer Trüby in der Passage46 in Freiburg.



„Konnichiwa“, begrüße ich Shuya Okino auf seiner Muttersprache Japanisch. „Hello, how are you?“, antwortet er mir. Sein Englisch hat einen starken japanischen Akzent. Aktuell ist der Produzent und Disc Jockey wieder auf Tour durch Europa. Gerade hält er sich in Wien auf. Heute habe er das Museum für Moderne Kunst besucht, erzählt er mir auf Skype. Er sieht ein bisschen müde und mitgenommen aus vom anstrengenden Wochenende und der heutigen Sightseeing-Tour.


Du warst schon einmal in Freiburg, damals hast du mit Rainer Trüby im Waldsee gespielt. In einem Interview hast du sogar erwähnt, dass es dein bestes Erlebnis war. Worauf freust du dich dieses Mal und was möchtest du auf jeden Fall wieder erleben?

Shuya: Ich möchte Rainers Familie kennenlernen und unbedingt etwas mit ihnen unternehmen. Als ich letztes Mal in Freiburg war, waren wir in einem Restaurant, den Namen habe ich leider vergessen. Aber die Stadt ist wirklich toll, vor allem die Universität und der Fußball. Außerdem sind die Leute sehr tolerant, offen und freundlich.

Welcher deiner Auftrittsorte hat dir bis jetzt am besten gefallen?

Ich mag Europa sehr, denn Europäer sind sehr nett und auch politischer als Japaner. Die sind eher total unpolitisch und haben meistens keine eigene politische Meinung. Die Regierung mag ich auch nicht. Ich selbst bin ziemlich links, die japanische Regierung dagegen ist mir zu sehr rechts. Ich liebe Barcelona, London ist immer gut, in Bratislava bin ich ziemlich bekannt und ich liebe es immer, in Wien zu sein.

Wie kommt deine Musik denn in Japan an? Bist du mit Kyoto Jazz Massive dort auch so bekannt?

Nein, in Japan sind wir fast gar nicht bekannt. Dort zählen wir eher zur Underground-Musik. Wir wollten auch nicht zu einem japanischen Label, dann wären wir ja nur in Japan bekannt geworden.

So ganz stimmt das nicht. „Eclipse“, die Debütsingle von Kyoto Jazz Massive auf Compost Records, hielt sich drei Wochen auf Platz eins  in den Zubb Charts des englischen Radiosenders  BBC Radio One. Sein 2005 veröffentlichtes Album „Destiny“ war Japans Dance Album Nummer eins in den iTunes Charts. Er hat mit Musikern wie DJ Kawasaki, Mondo Grosso und Monday Michiru zusammen gerarbeitet. Insgesamt verkauften sich Produktionen, an denen er als Produzent beteiligt war, über 4 Millionen Mal. Dass er darüber nicht spricht, ist ganz japanische Höflichkeit und Bescheidenheit.

Warum dann also ausgerechnet ein deutsches Plattenlabel?

Mit Rainer Trüby bin ich schon sehr lange eng befreundet. Er hat uns gewissermaßen entdeckt und meinen Bruder und mich dem Plattenlabel Compost Records vorgestellt, für das er als A & R gearbeitet hat.

Dein Bruder Yoshi hat in Osaka einen Musikshop. Wird er dort von den Leuten erkannt?

Es geht ihm sehr gut dort. Mit dem Plattenladen hat er sich vor allem zum Zeil gesetzt, den Menschen verschiedene Arten von Musik entgegenzubringen. Aber erkannt wird er nicht, es will auch niemand Autogramme von ihm. Dafür sind wir wirklich zu unbekannt in Japan.

Du legst seit 25 Jahren auf. Wie lässt du dich als DJ inspirieren?

Am Anfang meiner DJ-Laufbahn habe ich mich nur für Jazz interessiert. Mit 15 Jahren stand ich sehr auf die japanische Electronic-Band Yellow Magic Orchestra, besonders den Keyboarder Ryuichi Sakamoto. Auch der amerikanische Jazz-Trompeter Miles Davis und der amerikanische Jazz-Saxophonist und Komponist Charlie Parker haben mir sehr gefallen.

Mit der Zeit kamen dann aber viele unterschiedliche Richtungen dazu: Techno, Funk, Rock. Ich habe alles ausprobiert und will auch verschiedene Arten von Musik machen. Da sehe ich keine Grenzen.

Shuya Okino ist nicht nur als Disc Jockey und Produzent tätig. Er schreibt auch Bücher über seinen Beruf. Zuletzt veröffentlichte er seine Autobiografie, die bis jetzt aber nur auf japanisch erschienen ist.

Wie kamst du auf die Idee, Bücher zu schreiben?

Mein erstes Buch „How to choose Music“ habe ich für Disc Jockeys geschrieben. Ich habe gemerkt, dass sie ihre Musik immer danach aussuchen, wie sie sich gerade fühlen und wollte dann herausfinden, warum das so ist. In meinem zweiten Buch  geht es mehr um Business. Ich bin ja jetzt Club-Besitzer, Produzent und Autor und arbeite 18 Stunden am Tag. Ich bin echt ein Workaholic (lacht). Aber es macht einfach so viel Spaß, mit Musik zu arbeiten.

Hast du schon einmal daran gedacht, als DJ aufzuhören und etwas Neues anzufangen?

Ich habe schon vor langer Zeit angefangen, zu malen und hatte auch schon mehrere Ausstellungen. Bei meinen Bildern handelt es sich dabei um einen modernen Stil, eine Mischung aus japanischer Comickunst, Kalligrafie und traditionellem japanischen Holzschnitt. Damit werde ich, denke ich, auch zukünftig weitermachen.

Außerdem will ich in zwei Jahren das Disc Jockey-Dasein zurückfahren. Dann schreibe ich vielleicht einen Roman und lege nur noch ab und zu auf. Schon seit ich 30 bin, denke ich darüber nach, Romane zu schreiben. Dann habe ich aber mit der Musik angefangen und war zu beschäftigt. Jetzt habe ich noch über zehn Projekte anstehen und will damit in den nächsten Jahren noch fertig werden.

Ich will auch weiter Bilder malen und ausstellen und die traditionelle japanische Blumensteckkunst Ikebana lernen, daraus aber etwas Modernes machen. Allerdings muss ich da erst die Basics lernen. Später will ich dann aber meinen eigenen besonderen Stil finden, es soll schließlich einzigartig sein.

Kyoto Jazz Massive - Endless Flight

Quelle: YouTube




Mehr dazu:



Was: Root Down mit Shuya Okino, Corrado Bucci, Rainer Trüby
Wann: 28. März 2015, 23 Uhr
Wo: Passage46
[Foto: Shuya Okino / Promo]