Nach Zugunfall schwer verletzt

18-Jähriger von ICE erfasst – Chirurgen wagen sich an ungewöhnliche OP

Sina Gesell

Ein 18-Jähriger wird nachts in Haslach von einem Zug erfasst – und überlebt schwerverletzt. Dass er heute nicht querschnittsgelähmt ist, verdankt er Chirurgen der Uniklinik Freiburg. Die wagten sich an eine ungewöhnliche OP.

Leber, Niere und Milz gerissen, Rippen gebrochen, Lunge gequetscht, ein Lenden- und ein Halswirbel gebrochen: Der 18-Jähriger wurde schwer verletzt in die Uniklinik Freiburg gebracht. In der Nacht zuvor war er von einem Zug erfasst worden. Erst am Morgen entdeckte ihn ein Zugführer neben den Gleisen nahe des Unterwerks der Deutschen Bahn in Haslach.


Der 18-Jährige lag in einer Böschung

Der Vorfall, den die Bundespolizei der Presse nicht mitteilte, ereignete sich bereits am 27. Juni. Wie die Ermittlungen ergaben, ist der 18-Jährige wohl gegen 23 von einem ICE erfasst worden, sagt Bundespolizeisprecher Helmut Mutter auf BZ-Nachfrage. Der Zug habe allerdings nicht angehalten. "Der Zugführer hatte zwar einen Schlag gespürt", so Mutter, "aber das kommt öfter vor, zum Beispiel durch eine Katze." Er habe den nachfahrenden Zug noch informiert, doch dessen Fahrer habe nichts gesehen. "Der Mann lag in einer Böschung", sagt Mutter.

Erst gegen 6.30 Uhr entdeckte ihn ein Zugführer, ein Rettungswagen brachte den stark unterkühlten Mann ins Notfallzentrum der Uniklinik. Der 18-Jährige selbst konnte sich laut Mutter an nichts erinnern, noch am Morgen habe er 1,2 Promille Alkohol im Blut gehabt.

Die Wirbelbrüche bereiteten den Medizinern Sorgen

In der Uniklinik wurde ein Ganzkörper-Computertomogramm erstellt. Vor allem die Wirbelbrüche bereiteten den Freiburger Medizinern Sorgen. Das Verbindungselement des zweiten Halswirbels, auf dem der erste Wirbel ruht, war abgebrochen und hatte sich verschoben. "Das größte Risiko war eine Querschnittslähmung", sagt Rainer Schmelzeisen, ärztlicher Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.

"Er muss sich noch erholen, aber er wird wieder gesund." Rainer Schmelzeisen, Uniklinik
Bei einem derartigen Bruch werden ihm zufolge üblicherweise mehrere Wirbel und der Kopf vom Rücken aus miteinander verschraubt. "Der Patient hätte aber seinen Kopf nicht mehr drehen können", erklärt Schmelzeisen, "für einen so jungen Mann, der sein ganzes Leben noch vor sich hat, wollten wir eine andere Lösung." Also öffneten die Mediziner den Hals des jungen Mannes und fixierten mit einer Schraube den abgebrochenen Teil des Wirbels.

Doch die Schraube habe den Wirbel nicht dauerhaft stabilisiert. Ein Ärzteteam versuchte es über Mund und Rachen. Schmelzeisen gelang es, den Wirbel freizulegen, sodass die Unfallchirurgen eine Metallplatte mit fünf Schrauben unterhalb des Schädels an den Wirbel anbringen konnten.

Laut Klinikangaben ist Schmelzeisen einer der wenigen, der zum dritten Mal diese OP durchgeführt hat. "Solche Brüche kommen sehr selten vor", sagt der Mediziner. Nach drei Wochen wurde der Patient laut Uniklinik entlassen. "Er muss sich noch erholen, aber er wird wieder gesund."

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