16 Orte, an denen Freiburg so ist wie Berlin

Manuel Lorenz

Auf den ersten Blick könnten Freiburg und Berlin unterschiedlicher nicht sein: hier die gemütliche Uni-Stadt im Südwesten, dort die pulsierende Weltstadt im Osten. Schaut man genauer hin, sind sie sich aber gar nicht so unähnlich. fudder-Redakteur Manuel Lorenz ist in Berlin aufgewachsen und in Freiburg hängengeblieben - und hat 16 Orte ausgemacht, an denen Freiburg so ist wie Berlin:



Atriums-Kuppel / Reichstags-Kuppel

Wenn man im Untergeschoss des Atriums steht, zwischen dem Irish Pub Isle of Innisfree und Edos Hummus Corner, und nach oben schaut, entfaltet sie ihre volle Wirkung: die circa 14 Meter durchmessende Kuppel aus Glas und Stahl. Laut den Architekten Geis und Brantner, die jenes kleine Wunder 1991 fertigstellten, wird durch dasselbige "die Belebung und Belichtung des tiefen Grundstückes erreicht".

Es geht das Gerücht, dass sie Lord Norman Foster als Inspiration für jene Kuppel gedient hat, die er acht Jahre später dem Reichstag in Berlin aufgesetzt hat. Der größte Unterschied zwischen der Berliner und Freiburger Kuppel ist - abgesehen vom Durchmesser, der in der Hauptstadt 38 Meter misst -, dass man letztere nicht begehen kann. Dafür besticht sie aber durch die Eigenschaft, nur von innerhalb des Gebäudes aus gesehen zu werden - und bleibt ein Geheimtipp abseits ausgetretener Touristenpfade.  

Stühli / Görli

Parks, in denen Idyll und Elend zusammentreffen, gibt es in jeder Großstadt dieser Welt. In Freiburg ist es der Stühlinger Kirchplatz, in Berlin der sogenannte "Görli". Was ersteren angeht, ist dieser nämlich natürlich total Freiburg, also super schön - allein schon das heimliche Wahrzeichen der Stadt, die Herz-Jesu-Kirche mit ihren Zwillingstürmen, und die blaue Wiwilí-Brücke, die auf sie zuführt. Der Stühlinger-Markt, auf dem es viel gemütlicher zugeht als auf dem riesigen Münstermarkt. Und im Sommer die Studierenden, die auf der Wiese ihre Picknickdecke ausbreiten und Gitarrenmusik anstimmen.

Dann aber auch - gleichzeitig - scheint dort eine soziale Wirklichkeit durch, die die ganzen Bächle, Gässle und Türme manchmal vergessen lassen: die Existenz von Wohnungslosen, Drogenabhängigen und Dealern.    

Schmitz Katze / Kater Holzig

Nicht nur, was den Namen und das Corporate Design angeht, sind sich sie Freiburger Schmitz Katze und der Berliner Kater Holzig (R.I.P.) verdächtig nahe. Auch was die Location selbst angeht - jenen Spielplatz für Lausbuben und Gören - und die Veranstaltungen, vielleicht sogar das Publikum, fühlt man sich hier ganz so wie da. Und: Sieht die Haslacher Straße nicht ein bisschen aus wie die Köpi? Und ist die Dreisam, an der die Katze liegt, nicht die Spree en miniature?

Nur beim Barfloor hat sich die Freiburger Location am Vorbild vertan: Der ähnelt mit seinem wunderbaren Blick durch die Fenster auf die Dreisam, die Ochsenbrücke und die Straße eher dem Waterfloor des Watergates, denn dem Kater. Die Betreiber selbst nennen ihn gerne Panorama-Bar. Für alle Nicht-Clubber: So heißt die obere Etage des legendären Berliner Berghain.

   

Mensa 3 / Curry 36

Currywurst ist keine Freiburger, sondern eine Berliner Erfindung. Geschenkt. Umso bemerkenswerter, dass die Freiburger Currybude Mensa 3 eine Currywurst macht, die gestandenen Berliner Currywürsten wie jenen aus dem berühmt-berüchtigten Curry 36 in nichts nachsteht. Okay, die Mensa 3 hat noch keinen eigenen Ketchup und verkauft weder Kartoffelsalat, noch Bouletten. Dafür wartet sie aber mit Schärfegraden zwischen 1 und 9 auf - und das Personal könnte im rotzigsten Berlin nicht launischer sein!

The Holy Taco Shack / Dolores

Berliner schwören auf Dolores - jenen symphatischen Burrito-Laden, den es unweit des Alex' und direkt am Wittenberg Platz gibt. Dort bekommt man frisch und schmackhaft was der Calimex-Daumen begehrt: die besagten Burritos, Quesadillas, Tacos und Suppen.

In Freiburg bekam man so was immer nur in richtigen Restaurants - das dauerte zu lang und war zu teuer. Letztes Jahr ist hier Deutschlands erster Taco-Truck gestrandet, der mexikanisches Street-Food auch nach Freiburg bringt. Für kulinarische Glaubwürdigkeit sorgen beim "Holy Taco Shack" der US-amerikanische Koch Geoff de Forest und seine Frau Anika, die mal - geile Story - den Sunday Upmarket im Londoner East End geleitet hat.

Euphrat / Berliner Döner

Wo wir gerade beim Essen sind: Der Berliner Döner ist natürlich unschlagbar und kostet zudem die Hälfte seines Freiburger Äquivalents. Aber. Wer jemals den Gourmet-Yufka im Euphrat gegessen hat, überlegt sich zweimal, ob er für einen Berliner Trash-Dürüm - mit alles oder ohne - tatsächlich zwischen zwei und drei Euro hinlegen will. Auch super: Beim Euphrat kriegt man Club Mate. Was nicht jedem schmeckt, mit dem man sich aber, kommt man nachmittags, samt Gourmet-Yufka ein Berliner Frühstück zusammenstellen kann.



Siegesdenkmal / Siegessäule

Das Freiburger Siegesdenkmal am Leopoldring steht zwar nicht ganz so hoch wie die Berliner "Goldelse", man kann sie auch nicht besteigen, wie letztgenannte; beide gedenken aber (unter anderem) dem Sieg "Deutschlands" im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, und bei beiden hält die Siegesgöttin vor sich einen Lorbeerkranz in die Höhe. Ursprünglich stand das Siegesdenkmal ein wenig weiter vorne, dort, wo heute der Kreisverkehr ist und das VAG-Häusschen steht. Und hätte man in Freiburg ein bisschen mehr Platz, würde das Denkmal auch heute noch auf einer Kreuzung stehen, von der aus Straßen in alle (zumindest vier) Himmelsrichtungen führen - fast so wie beim Großen Stern in Berlin.

Straba / Tram

Die Straßenbahn ist das Sahnehäubchen einer Stadt: Es macht sie süß. Deshalb ist New York zum Beispiel nicht süß, und Paris und London auch nicht. Freiburg aber volle Pulle, wobei die Koexistenz von Straßenbahnschienen und Fahrradrädern nicht selten eher unglückselig-unsüße Resultate zeitigt. Westberliner finden die Tram in Ostberlin immer noch befremdlich-süß; die heutigen Bewohner Ostberlins empfinden sie weder als befremdlich, noch als süß, sondern als ganz normal: In Heidelberg, Heilbronn und Ulm gibt's schließlich auch eine.  

Waldsee / Wannsee

Na ja. Der Waldsee ist um ein VIELfaches kleiner als der Wannsee, klingt aber schon mal ähnlich und sieht drumherum, wenn man sich mal in den Möslepark begibt, auch ähnlich aus. Wildschweine haben wir dort zwar noch keine gesehen, aber im Winter kann man auf dem Waldsee genauso gut Schlittschuh fahren wie auf dem Wannsee. Und: Zum Wasserschlössle in der Wiehre läuft man nur eine gemütliche halbe Stunde - genauso weit ist's vom Düppeler Forst zum Schloss auf der Pfaueninsel.

 

Schlossberg / Teufelsberg

Der Freiburger Schlossberg ist mit seinen 460 Metern zwar fast viermal so hoch ist wie der Berliner Teufelsberg (120 Meter). Aber Berg in der Stadt ist Berg in der Stadt. Und was gibt es Dienlicheres, als eine Erhebung vor der Haustür zu haben, die man besteigen und auf der man allerhand Zeug machen kann - zum Beispiel Joggen, Mountainbiken und zu Silvester das Feuerwerk über der Stadt anschauen. Beide Berge beherbergten einst Militäranlagen: der Schlossberg über die Jahrhunderte verschiedenste Burgen und Befestigungsanlagen, der Teufelsberg jene seltsam anmutende Ex-Radarstation der US-Streitkräfte.  

Lorettoberg / Kreuzberg

Schon im 15. Jahrhundert wurde am Berliner Kreuzberg Wein angebaut. Im 18. Jahrhundert hörte man des schlechten Wetters wegen auf; 1968 nahm man die Tradition wieder auf, als die Partnerstadt Wiesbaden dem Bezirk Rebstöcke für Riesling schenkte. Mittlerweile werden am Kreuzberg auch andere Rebsorten angebaut. Die Jahresernte reicht für 700 Miniflaschen "Kreuz-Neroberger" - die man allerdings nicht käuflich erwerben kann, sondern nur gegen eine Spende von 10 Euro bekommt, oder als Kreuzberger zum 100. Geburtstag.

Dass nicht nur in Freiburgs Umgebung a.k.a. Südbaden fabelhafter Wein produziert wird, sondern auch in Freiburg selbst, wissen Studierende spätestens, wenn sie ihren Eltern beim Heimatbesuch Universitätswein (vom Loretto- und Kapellenberg) mitbringen, oder sich nach einer Degustation im hiesigen Staatsweingut 'ne Flasche Rebsaft vom Schloss- oder Schönberg gekauft haben. Der badische Wein im Berliner KaDeWe kommt übrigens aus Achkarren.

Rhybadhysli Breiti / Badeschiff

Freiburg ist zwar nicht Basel, aber Berlin ist auch nicht Berlin. Deshalb sei an dieser Stelle ein Joker erlaubt - und zwar das zauberhafte Basler Rhybadhysli Breiti. Im Winter verwandelt es sich zur Sauna am Rhy - samt Ruhejurte und Außenbereich. Eindrucksvoll, wenn man nach ein, zwei Saunagängen in den eiskalten Rhein steigt und die Citylights beschaut: Wettsteinbrücke, Münstertürme, Hoffmann-La Roche.

Von Freiburg aus braucht man dorthin genauso lang wie von Berlin-Zehlendorf oder anderen abgelegeneren Bezirken zum Badeschiff: 'ne jute Stunde. Im Winter ist es zur Zeit zwar geschlossen - was schade ist, weil es sich unter der durchsichtigen PVC-Haut, die das Schwimmbecken umgab, immer so schön wohlig anfühlte; im Sommer schaut man dafür von jenem Freiluftbecken inmitten der Spree auf die Oberbaumbrücke und den Alex, den Osthafen und das Eierkühlhaus und denkt sich: geil. Einfach nur geil.

Grünhof / Betahaus

Man würde meinen, dass im teuren Freiburg kein Platz für Start-ups und Kreativwirtschaft ist. Und dennoch: Seit Ende 2013 gibt es wundersamerweise einen Co-working-Space unweit des Hauptbahnhofs: den Grünhof. Parkettboden, nackte Glühbirnen, Highspeed-WLAN, Schnörkellosigkeit - und ein urbanes Café namens Pow. Bevölkerung: Wuschelköpfige Mittdreißiger, die Projekte wie die Kochbox an den Start bringen.

Orte wie das Berliner Betahaus, eingerichtet in einer einstigen Waschlappenfabrik, sind natürlich größer, überfüllter, klitschiger. Das Prinzip ist hier wie dort aber das Gleiche - und der Minimalismus auch. Wie immer ist's in Freiburg halt nur ein bisschen kuscheliger.

 

Sedan / St. Oberholz

Das Sedan-Café in der Sedanstraße ist das Epizentrum des Freiburger Hipstertum. Hier bekommen Hippe, Kreative und MacArbeiter Espressoprodukte aus der Siebträgermaschine, alternativste Softdrinks, selbstgemachtes Organic Food und Zeitschriften à la Monopol. Dagegen stinkt das St. Oberholz fast schon ab. Berühmt gemacht hat es Sascha Lobo und die von ihm ausgerufene digitale Bohème. Seit sich um den Rosenthaler Platz, an dem das Café zentralst gelegen ist, alles ansiedelt, was Club und Mate zusammensprechen kann, sieht man dort nicht mehr nur einsame Gestalten, die hinter Laptops sitzen und es Arbeit nennen, sondern auch Hipster, Möchtegern-Hipster, Easyjetsetter und Touristen, die sich in der Location vertan haben.

Der FreiBurger / Berliner Burger

Freiburg ist kleiner als Berlin, und darum hat und braucht Freiburg auch nicht eine Million Burgerbuden, sondern nur eine. Der FreiBurger in der Schiffstraße vereint dafür aber die meisten Tugenden seiner Berliner Äquivalente - dem Schiller, dem Zsa Zsa, dem BBI und wie die anderen alle noch heißen. Handgemachte Qualität, natürlich auch vegetarische Varianten, lange Wartezeiten und die Unmöglichkeit, einen Burger elegant zu verspeisen. Manch ein Berlinkenner behauptet gar, mit dem FreiBurger könne kein SpreeBurger mithalten. Wir lassen das mal unkommentiert so stehen.  

Freiburg / Prenzlauer Berg

Warum gibt es in Freiburg kein Äquivalent zum Prenzlauer Berg? Weil ganz Freiburg sozusagen ein einziges Prenzlauer Berg ist - mit weißen Flecken wie HaWei und Herdern, die eher in Richtung Wedding und Zehlendorf gehen. Allein schon die Einwohnerzahl. Im Prenzl Berg leben rund 153.000 Menschen, in Freiburg nur läppische 65.000 mehr, nämlich rund 218.000. Prenzlauer Berg: Saturierte Alternativos, Studierende, Künstler, Gentrifizierung, Waldorfkindergärten, Öko-Bourgeoisie, Latte macchiato-Mütter, Kinder mit seltsamen Doppelnamen. Klingt nach Stühlinger, Sedanviertel, Vauban, St. Georgen, Rieselfeld, Wiehre - Freiburg. Bloß mit mehr Schwaben.



fudder-Debatte

Natürlich ist diese Aufzählung genauso unvollständig wie streitbar. Deshalb wollen wir von euch wissen: Wo in Freiburg berlinert's am meisten? Und vielleicht auch andersherum: Wo in Berlin fühlt sich's irgendwie an wie in Freiburg?

Du bist gefragt!


Mehr dazu:

  • fudder: http://fudder.de titel="">Die Eschholzstraße: Freiburgs spannendste Szenemeile