Freiburg

15-jähriger Pianist studiert an der Musikhochschule

David Weigend

Der Pianist Robert Neumann gehört zu den Jüngsten, die jemals an der Freiburger Musikhochschule immatrikuliert waren. Wir haben den Erstsemestler dort besucht.

Robert Neumann unterscheidet sich schon ein wenig von den meisten seiner Altersgenossen. Während viele Pubertierende in Deutschland vorzugsweise chillen, Ballerspiele zocken, zu viel Alkohol trinken und darüber in Chatgruppen plaudern, interessiert sich Robert für andere Dinge. Er hat ein Faible für Antiquitäten, liest Platons "Laches" im Original, er komponiert und ist vor allem schon jetzt ein Pianist, der Aufsehen erregt.




Mit seinen erst 15 Jahren hat Neumann bereits zahlreiche internationaler Wettbewerbe gewonnen. Rezensenten drücken ihm den unvermeidlichen "Wunderkind"-Stempel auf. Seit Oktober ist er in der Freiburger Musikhochschule immatrikuliert. Wenn man dort die Professoren fragt, wann zuletzt ein 15-Jähriger bei ihnen studierte, kommen sie ins Grübeln.

Unvermeidlicher Wunderkind-Stempel

An einem sonnigen Vormittag im Oktober sitzt der junge Stuttgarter im Raum 337 an einem der beiden Steinwayflügel, den Rücken zur Tastatur, die Beine übereinander geschlagen, und sagt: "Jeder, der nicht halbwegs deppert ist, wird ja heutzutage als Wunderkind bezeichnet." Mozart, Mendelssohn, Saint-Saëns – das seien echte Wunderkinder gewesen. "Wenn Kritiker mich so nennen, okay. Es ist mir nicht wichtig." Als Elfjähriger kam er an die Musikhochschule und studierte im Rahmen der Freiburger Akademie für Begabtenförderung (FAB) Klavier. Seine Lehrerin und Mentorin ist Elza Kolodin. Sie sägt an seiner Technik und achtet auch darauf, dass der junge Mann auf dem Boden bleibt.



Sein Talent förderten die Eltern von kleinauf. "Meine Mutter Alexandra Neumann ist Pianistin, mein Vater Marin Smesnoi Cellist beim SWR-Symphonieorchester", erzählt Neumann. Er wuchs dreisprachig auf, spricht Deutsch, Russisch und Griechisch. Mit vier Jahren bekam er von Monika Giurgiuman die ersten Klavierstunden, sie betreut ihn immer noch. So begleitete sie ihn auch im September nach Liechtenstein. Dort spielte er mit dem Sinfonieorchester des Fürstentums unter der Leitung von Stefan Sanderling Chopins F-Moll-Klavierkonzert. Andere Aufnahmen dieses Werks hörte er sich erst an, als er seinen Part einstudiert hatte. "Ich will ein Werk unvoreingenommen und unabhängig interpretieren", sagt er. Gut gefiel ihm Rubinstein, auch, wenn dieser mit seinen damals 90 Jahren viele Passagen nicht mehr so schnell spielen konnte. "Die Einspielung von Martha Argerich ist natürlich sehr temperamentvoll, aber einiges klingt auch willkürlich und nicht immer ganz textnah. So wie bei Pogorelich auch. Der Text sollte schon richtig wiedergegeben werden, sonst kann man ja gleich sein eigenes Klavierkonzert schreiben."

Solche Urteile wirken ein wenig gestanzt, aber vielleicht ist der leicht altkluge Beiklang auch typisch für einen 15-Jährigen, der sich in einer erwachsenen Klassikwelt zurechtfinden muss. Wogegen rebelliert ein Jüngling, der so anrührend spielt, dass er von den Konzertbesuchern geliebt wird? Robert Neumann betrachtet eine Weile das Bild des Palazzo Pubblico von Siena an der roten Backsteinwand, dann sagt er: "Das Wichtigste ist mir die Fantasie und die Freiheit, all das zu machen, was ich möchte. Auch, wenn das vom Konsens abweicht. Ich mag es, korrektes Deutsch zu sprechen, mit richtigen Konjunktivformen. Man wird mich auf der Straße auch nicht mit zerschlissenen Jeans, Turnschuhen und MP3-Player am Ohr sehen. Das ist nicht mein Stil. Für meine Kompositionen werde ich manchmal belächelt. Der Robert ja noch klein, sagen sie. Ich will, dass es schön klingt. Dass die Leute aus dem Konzert gehen und sich eine Melodie gemerkt haben. Vielen Zeitgenossen geht es ja nur noch darum, sich durch neue Notationstechniken interessant zu machen."

Rebellion durch Ästhetik

Robert Neumann hat, das wird während des Interviews deutlich, eine klare Vorstellung von Ästhetik und ein Faible für humanistische Bildung – obwohl er mit 14 Jahren die Schule abbrach, immerhin als Elftklässler im Hochbegabtenzug des Stuttgarter Karlsgymnasiums. "Das Üben sowie das Pendeln nach Freiburg und zu Konzertterminen war mit meiner Anwesenheitspflicht nicht mehr vereinbar", sagt er. Neumann hat kein Abitur, dennoch belegt er nun den vierjährigen Bachelor-Studiengang an der Musikhochschule ("Die Aufnahmeprüfung war nichts besonderes").



Dieser Rahmen scheint für ihn der richtige zu sein. Auch deshalb, weil er dort mit seiner unkonventionellen Art nicht so auffällt. "Früher war ich noch zu schwach, um meine Eigenheit durchzusetzen", erzählt er. "In der Schule sammelte ich zum Beispiel Fußballkarten, um irgendwie ein Randteil der Klasse zu sein. Andernfalls wäre ich früher oder später zum Mobbingopfer geworden." Heute fühlt sich Neumann frei von sozialem Druck. Er ist keinem mehr eine Erklärung dafür schuldig, warum er sich für seine Konzertgagen nicht das neueste Handy zulegt, sondern das Kompositionsprogramm "Finale". Was er damit ersinnt, könnte beim Zuhörer in Zukunft nicht nur ein Lächeln, sondern wahre Anerkennung hervorrufen.

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