140 Minuten ohne Schnitt - der Freiburger Franz Rogowski spielt im Wahnsinnsfilm "Victoria" mit

Daniel Laufer

Der Kinofilm "Victoria" hat einen Hype ausgelöst. Denn seine Macher haben ihn in Berlin am Stück gedreht - ohne Schnitt. In gleich sieben Kategorien ist er nun für den Deutschen Filmpreis an diesem Freitag nominiert. Einer der Hauptdarsteller: der gebürtige Freiburger Franz Rogowski. Ein Interview:



Der Film "Victoria" läuft fast zweieinhalb Stunden - Ihr habt ihn an verschiedenen Orten in Berlin am Stück gedreht, ohne einen einzigen Schnitt. Wie habt Ihr das hingekriegt?

Franz Rogowski: Viel Wille. Und sich gleichzeitig fallen lassen. Viel Planung und ein Team das zusammenhält wenns eng wird.

"One girl, one night, one shot" - einen Monat lang haben wir für dieses "One take" geprobt, diesen einen Durchlauf. Sebastian (Schipper, der Regisseur, Anm. d. Red.) hatte die Geschichte ja eigentlich fertig, beim Proben der einzelnen Szenen merkte er dann aber, worauf es wirklich ankam. An welchen Stellen wir noch schrauben mussten und wo man sich auch ein bisschen verlieren konnte. Es war wie eine Theatererfahrung im Kino.

Wie habt Ihr Euch vorbereitet, damit in einem Rutsch alles klappt?

Wir hatten zehn Nächte, in denen wir den Film in zehn Teilen geprobt haben. Zwischen den Anläufen gab Sebastian Anweisungen wie ein Fußballtrainer, sagte zwei, drei Sachen und dann ging es auch schon weiter. Diese direkte Art hat mit Sicherheit auch die Atmosphäre vor der Kamera beeinflusst.

Nach diesen zehn Tagen war der Film als Schnittmöglichkeit im Kasten. Das hat uns Sebastian auch immer wieder gesagt: "Jungs, jetzt kommt die Kür. Im Prinzip haben wir alles im Kasten". Sebastian wusste, dass das so nicht funktionieren würde - er hatte eine geschnittene Fassung gesehen. Aber er hat uns den Rücken freigehalten.

Ein großer Teil des Films spielt auf den Straßen Berlins. Wie habt Ihr die Einflüsse minimiert - durch beispielsweise Passanten?

Theoretisch hätte jederzeit jemand kommen können. Wir haben in einem Teil von Mitte gedreht, der sehr zentral liegt, aber nachts sehr ruhig ist.

Inwiefern haben es solche Unvorhersehbarkeiten dann doch in den Film geschafft?

Es gibt zum Beispiel eine Szene relativ am Anfang des Films, in der zwei Polizeiautos nacheinander um die Ecke kommen. Eines war von uns, das andere echt. Manchmal weiß ich selbst nicht mehr genau, was nun echt ist und was nicht.

Verdammt viel hätte schief gehen können - ein Akku-Ausfall oder eine Speicherkarte, die spinnt. Oder Passanten. Oder grauenhaftes Schauspiel. Oder ein Autounfall. Oder jemand ruft die Polizei. Oder man bekommt einen Herzinfarkt. Oder Sturla (Brandth Grøvlen, der Kameramann - Anm. d. Red.) einen Hexenschuss!!

Diese Voraussetzungen waren ja von Anfang an klar. Warum wolltest Du trotzdem mitspielen?

Na gerade deswegen ja! Es war ein Projekt, das das Risiko einging, komplett zu scheitern. Sebastian hat sich dafür entschieden, uns auf eine Art freien Lauf zu lassen. Das Drehbuch bestand aus einem Treatment, mehr nicht. Das hat mich sehr neugierig gemacht.

Was stand in diesem Treatment?

Der Handlungsverlauf, aber keine Dialoge. Man kann sich das vorstellen wie eine Kurzgeschichte. Manches wurde dann mit der Zeit wieder verändert. Die Figur der Victoria war am Anfang eher ein Zusatz zu dieser Jungs-Clique, wurde später aber zum roten Faden und zur Hauptfigur, die den Zuschauer durch den ganzen Film trägt.

Insgesamt hattet Ihr für das "One take" drei Durchläufe - der erste galt als "zu perfekt", der zweite als "zu chaotisch". Man hört, danach bestand Redebedarf.

Wir gingen zu Sebastian, um Grüntee zu trinken und uns die Leviten lesen zu lassen. Es ging sehr emotional zu, eindeutig ein Krisengespräch. Wir sprachen alles noch einmal durch, waren uns danach endgültig im Klaren, es würde nun um alles gehen. Das war wie ein Endspiel beim Fußball: Man kann viel planen und alle Strategien durchsprechen und irgendwann kommt der Moment und alles ist offen.

Wir flüsterten und schrien uns die einfachsten Sachen zu - dass wir uns lieben, dass wir es gut hinkriegen wollen, dass wir Idioten sind und dass wir das Ding jetzt verdammt noch mal nach Hause bringen! Es ist ja verrückt, dass man bei einem Film sechs Wochen mit Menschen zusammenarbeitet, die man eigentlich gar nicht kennt, und in der Auseinandersetzung wird es dann so intensiv, dass ein Gespräch fast einer Ehekrise gleichkommt.

Dein Vater beispielsweise ist Arzt, aber in "Victoria" spielst Du einen Ex-Knacki - das ist eine ganz andere Welt. Wie spielt man so eine Rolle ohne vorgeschriebene Dialoge, gerade, wenn man ihre Situation nicht kennt?

Frederick Lau und Burak Yigit überfallen zwar nicht regelmäßig Banken, aber sie sind durch und durch Berliner. Gerade bei der Kommunikation untereinander waren sie meine Schauspiellehrer. Ich habe auch versucht, Method-Acting-mäßig in die Rolle zu finden. Ich bin bei meinem Spiel viel über den Körper gegangen, nahm Kickboxtraining, ging ins Fitnessstudio, trank Eiweißshakes.

Was bei der Vorbereitung nicht so Thema war: Wie wären solche Typen wohl wirklich, wenn sie Freunde wären? Stattdessen hieß es: Jungs, ihr seid hier, ihr seid voll am Start, ihr kennt den Verlauf - und jetzt Rock’n’Roll! Diese Art von Ansage schenkt einem viel Freiheit, mit der muss man erst mal klarkommen.

Ihr habt für "Victoria" viel Lob erhalten und einen regelrechten Hype ausgelöst. Warum gehen die Leute auf Euren Film so ab?

Im deutschen Kino vermisst man oft diese direkte Energie, die instinktiv aus dem Bauch herauskommt. Sturla und Sebastian haben mit uns einen Weg gefunden, dieses Gefühl einzufangen. Wird dieses Gefühl nicht transportiert, weil der Film eine Kopfgeburt ist, nimmt der Zuschauer am Ende auch eine Kopfgeburt aus dem Kino mit raus.

"Victoria" ist da sehr direkt und spielt mit offenen Karten: Fast jeder, der den Film sieht, weiß, wie er zustande gekommen ist und erlebt ihn dadurch anders. Ist der Film dann vorbei, ist das Publikum mit uns durch diese Geschichte durchgegangen und hat das ausgehalten und miterlebt. Es scheint so, als wollten die Leute mehr davon.

Zur Person



Franz Rogowski ist in Freiburg geboren und in Tübingen aufgewachsen. Der 29-Jährige ist Schauspieler, Choreograf und Tänzer. Vor "Victoria" war er in den Filmen "Love Steaks" und "Frontalwatte" zu sehen. Im Moment spielt er Theater an den Kammerspielen München, wo er bald im "Rocco und seine Brüder" zu sehen sein wird.

Trailer:



Mehr dazu:

[Fotos Film: Promo/Wild Bunch Germany, Foto Franz Rogowski: dpa Picture Alliance]