14 Thesen zum Niedergang des SC Freiburg

fudder-Redaktion

Sich die Spiele des SC Freiburg anzuschauen, ist derzeit keine vergnügungssteuerpflichtige Tätigkeit. Selbst sture Optimisten sehen den Tabellenvorletzten der Zweiten Liga als Abstiegskandidaten. Unser Lieblingskolumnist Rudi Raschke mit 14 Thesen zum Niedergang der Finkeelf.

1. Der SC kann durchaus in die 3. Liga absteigen.

Auch wenn erst knapp ein Viertel der Saison vorüber ist, steht generell fest: gefährlich wird es immer für die Vereine, die die Gefahr nicht erkennen. Beim SC Freiburg glaubt man immer noch, attraktiven Fußball auf dem neusten Stand zu bieten, man rechnet mit virtuellen Tabellen (sechs Punkte mehr wegen Schiedsrichterfehlern) und sieht offenbar auch auf Platz 17 und ohne Sieg keinen Handlungsbedarf.




2. Die Mannschaft ist mental schwach. Man hat diesen Sommer viel erlebt, wie Mannschaften motiviert werden können. Klinsmanns F-Jugend-Ansprachen im Film „Sommermärchen“ mögen unfreiwillig komisch gewesen sein, aber sie brachten (kurzfristigen) Erfolg. Hand aufs Herz: Wer traut Volker Finke noch eine engagierte, kämpferische Kabinenpredigt zu? Einem Trainer, der den Spielern stattdessen vormittags in Duisburg ankündigt, dass ihr Ex-Kollege Tobias Willi ihnen abends einen reinhauen wird und sich dafür hinterher wie den Dreisam-Propheten feiert?



3. Die Mannschaft ist körperlich schwach.

Eine weitere Lehre, die sich dank der WM noch an den letzten Stammtisch verbreitete: es gibt vermeidbare Verletzungen (muskuläre) und unvermeidbare (etwa Brüche nach fiesen Fouls). Wie schlecht muss das Training des SC Freiburg sein, wenn schon vor dem ersten Spiel der Saison reihenweise Spieler mit Muskelfaserrissen ausfallen? Warum gilt nur noch in Freiburg die Trainer-Weisheit, dass nach dem Trainingslager alle platt sein müssen und „müde Füße“ haben? Die WM hat gezeigt, dass intensive Vorbereitung ein Team vor Verletzungen schützt und ihm gute Ausdauer verleiht. Das Gegenteil findet in Freiburg statt.



4. Der Verein hat eine katastrophale Medienarbeit.

Das paradoxe Ergebnis der Anti-PR: Man würde gerne vom Trainer mehr über Fußball hören. Stattdessen kreisen die Statements nach Abpfiff nur um SC-eigene Phänomene wie den „Negativ-Journalismus“ (Finke). Aktueller Aufreger: Eine dpa-Meldung des Freiburgers Uwe Rogowski berichtet, dass „die Tendenz der vergangenen drei Jahre“ wenig Anlass zu Optimismus gibt. Finke redete sich daraufhin in Rage, mit seiner neuesten Topffrisur auch optisch an Klaus Kinski erinnernd, und sagte letztlich nur eines: Der Niedergang dauert seiner Ansicht nach erst zwei Jahre. Ein unterirdisches Eingeständnis, Schweigen wäre besser gewesen (Außerdem hat Rogowski nicht einmal unrecht: Vor drei Jahren begann im Dezember mit dem 0:6 gegen Bayern tatsächlich der schleichende Abstieg.) Und warum sollen Medien einen Platz im Zweitliga-Keller feiern?



5. Das Image des Clubs steht auf dem Spiel.

Mit einem übellaunigen Trainer an der Spitze, der realitätsfern Spiele schönredet, lässt sich auf Dauer der Ruf als Sympathie-Truppe nicht halten. Längst haben Aachen und Mainz bundesweit die Nachfolge angetreten. Zum Beweis: In bundesweiten Fußball-Magazinen wie „Rund“ oder „11 Freunde“, die dem SC traditionell wohl gesonnen waren, liest man über den Verein seit unzähligen Ausgaben keine Zeile mehr.



6. Die Mannschaft spielt unattraktiv.

Eine weitere, an der Basis angekommene WM-Erkenntnis: Man kann Spiele verlieren, wenn man trotzdem gut gespielt hat – jeder hat das nach dem 0:2 gegen Italien so empfunden. Nichts anderes verbreitete auch die Finke-Lehre der vergangenen 15 Jahre. Nur: Warum kommen zu SC-Heimspielen nur noch 11.000 Zuschauer? Kann auch sein, dass der SC nicht gewinnt und schlecht spielt? Warum schaffen es technisch mittelmäßige Mannschaften wie Siegen (in der Vorsaison), Essen und Unterhaching, aus zwei Chancen ein bis zwei Tore zu erzielen gegen Freiburg, während der SC für zwei Tore gefühlte 15 Hundertprozentige braucht? Vermutlich, weil der SC so attraktiv, unberechenbar und kreativ kickt.



7. Der SCF ist keine attraktive Adresse für junge Spieler mehr.

Ein Club wie der SC muss eine erstklassige Adresse sein für junge, hungrige Spieler, die danach weitere Stufen auf der Karriere-Leiter nehmen. Tatsächlich hat mit Ausnahme von Zlatan Bajramovic kein Spieler der vergangenen Jahre mehr einen Aufstieg erlebt.



8. Nachhaltigkeit ist nicht alles. Eines der beliebtesten Argumente nach lausigen SC-Partien: „Du solltest Dir mal die Amateure oder die A-Jugend anschauen, dann siehst Du, was dieser Verein kann.“ Hm. Was würde man einem Gastronomen antworten, der nach missratenem Essen an den Tisch kommt und empfiehlt: „Ja, das war schlecht, aber mein Sohn macht gerade seine Ausbildung, in zwei, drei Jahren wird es hier erst richtig gut.“ Vermutlich Kopfschütteln und Wiedersehn am St.Nimmerleinstag.



9. Volker Finke hat sich nicht weiterentwickelt.

Das Spiel des SC Freiburg hat seine Wurzeln in den neuen Taktik-Ideen, die Anfang der 90er Jahren von Trainern wie Arrigo Sacchi, Sven-Göran Eriksson und Tord Grip kamen. Damals waren angesagt: kurze Pässe, Überzahl in Ballnähe, schnelle Kreativspieler statt bulliger Kämpfertypen. Diese Erkenntnis hat sich inzwischen auch in der Zweiten Liga flächendeckend durchgesetzt. Und verglichen mit Teams wie dem 1.FC Köln wirkt Freiburg viel zu langsam, zu wenig überraschend, zu wenig kompakt. Deshalb treten selbst Gegner wie Essen oder Aue dem SC-Spiel furchtlos entgegen. Ein Ausweg ist nicht in Sicht. Systemverfeinerungen (Viererkette, „brasilianisches“ 4-2-2-2-Modell) fanden nur zögerlich statt und wurden stilistisch schlampig  umgesetzt. 

 



10. Auf dem Platz fehlt ein Vordenker.

Volker Finke hat richtig analysiert, dass moderne Teams keinen Spielmacher mehr brauchen, der im Effenberg-Stil den Kick an sich zieht. Trotzdem braucht jedes Team einen Vordenker auf dem Platz, der die Ideen des Trainers und auch die Motivation auf dem Rasen vorleben kann. Dieser Posten ist in Freiburg verwaist.

 



11. Es gibt in der Vereinsführung keine Konkurrenz untereinander.

In den Büros des SC Freiburg arbeitet kein Uli Hoeneß. So einer kündigt auch mal an, in der Winterpause „jeden Stein umzudrehen “, um Fehler gründlich zu beseitigen. Stattdessen feiert sich der ganze Club als fehlerlose Maschinerie. Es drängt sich der Verdacht auf, dass beim SC feudale Strukturen herrschen – dem Chef mag keiner widersprechen, schon weil fast alle ihm ihren Job verdanken. Und anderweitig offenbar schwer vermittelbar sind oder am Stuhl kleben.

 



12. Der SC hat ein Nachwuchsproblem – auf der Führungsebene.

So sehr der Club auch Nachwuchs und Verjüngung predigt: Es gibt zwar jede Saison neue, unbekannte, manchmal sogar motivierte Spieler, aber auf Vorstands-, Trainer- und Management-Ebene fehlt jegliche Fluktuation. Das gilt selbst für den Präsidenten Achim Stocker: Vor etlichen Jahren hat er angekündigt, sich mit dem Ruhestand im Beruf auch im Verein zurück ziehen zu wollen – der Renteneintritt liegt jetzt mehr als drei Jahre zurück.

 



13. Der Club behauptet, es gebe keine Alternative zu Volker Finke.

Das ist das schwächste Argument von allen: Volker Finke darf Freiburg nicht verlassen, weil es keine anderen Trainer gibt, die hier arbeiten können. Wie bitte? Der Freiburger Joachim Löw wäre vor ein paar Jahren frei gewesen und ist inzwischen als Bundestrainer an Finke vorbeigezogen, die Ex-SC’ler Frank Wormuth und Michael Frontzeck hinterlassen bei ihrer Arbeit zumindest den Eindruck, dass sie in der Lage wären, einen Zweitliga-Siebzehnten zu trainieren. Auch wenn Hire and Fire bei manchen Vereinen zu hart ist – man sollte nicht alle Fußball-Methoden für ungültig erklären in Freiburg.



14. Der SC Freiburg hat sich zum Paralleluniversum entwickelt.

Früher war das schön: Ein Umfeld aus Journalisten, Wirtsleuten, Fans oder Geschäftsleuten steht dem Verein wohlwollend gegenüber. Man ist irgendwie Anhänger und findet die Konzepte gut. Nur hat sich das irgendwann mal ins Gegenteil verkehrt. Das Umfeld hat inzwischen zuweilen das Selbstverständnis von George W. Bush. Credo: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Das hat zu kruden Auswüchsen geführt. Der SC Freiburg hatte zwischenzeitlich Journalisten auf der Gehaltsliste („Heimspiel“), die sich nicht zu schade waren, die frohe Botschaft vom besten aller Clubs zeitgleich auch in überregionalen Zeitungen wie der FAZ oder SZ zu verbreiten. So etwas wird vor allem ungemütlich für Menschen, die dieses Spiel nicht mitmachen. Deshalb gibt es gegenüber diesem Verein auch keine unabhängige Kritik mehr (die heißt dann „Negativ-Journalismus“, s.o.), sondern nur noch „embedded journalism“ im Pentagon-Stil. Zu erleben bei jeder Pressekonferenz im Badenova-Stadion.