fudder-Highlights

13 Festivalmomente auf der Sea You 2018, die in Erinnerung bleiben

Tamara Keller & Bernhard Amelung

Was für ein Wochenende! Täglich feierten rund 17.000 Menschen beim Sea You Festival am Tunisee. Auch die fudder-Redaktion war vor Ort und hat die besten Momente der Sea You 2018 gesammelt.

1) Im Zug

Viele junge Leute sitzen neben ihren noch halbvollen Bierkästen auf den Treppen. Es gibt nur noch wenig Platz in der Regionalbahn von Basel nach Freiburg. Hawaii-Blumenketten weisen darauf hin, dass es sich um Sea-You-Besucher handeln muss. Eine Gruppe von Schweizern streitet sich darüber, wie sie ihre Zimmer untereinander aufteilen – sie haben in einem Hotel direkt am Bahnhof reserviert.

Sobald die Schlafplätze verteilt sind, wird die Musikbox angemacht: "079 hätt sie gsait" tönt der erfolgreichste Schweizer Hit des Jahres aus den Lautsprechern. "Ohhh", stöhnt ein Schweizer der Gruppe auf. "Alli hasse däs Lied, aber alli kenne es." "Also ich mags," widerspricht ihm sein Kumpel.


2) Die Turnbeutel-Sache

"Geht ihr auch zur Sea You?", fragt eine Verkäuferin aus der Bahnhofshalle. "Könnt ihr erklären, was es mit diesem Turnbeutel-Hype auf sich hat?" Ja: Aus Sicherheitsgründen sind auf der Sea You nur Turnbeutel oder kleinere Taschen im A3-Format erlaubt. Dementsprechend versuchen die Besucher mit ihren Beuteln kreativ hervorzustechen: Die einen tragen ihn mit viel Glitzer, die anderen mit Sprüchen von "Bitte nicht schubsen, ich habe Joghurt im Rucksack" bis "I love Techno".

"Ich gehe nicht zur Sea You, ist nicht meine Musik", mischt sich ein junger Kunde ein. Die Verkäuferin starrt ihn entgeistert an: "Aber die meisten gehen da doch wegen der Sache an sich hin," sagt sie. Ihr ist anzumerken, dass sie heute lieber am Tunisee tanzen würde, als hinterm Verkaufstresen zu stehen.



3) Teledisko Part I – wie funktioniert das?

Teledisko

Eine Leuchtreklame an der Tür zählt den Vier-Minuten-Countdown herunter. Dieses Jahr ist die Teledisko, die kleinste Disko der Welt, als sechste Bühne auf dem Plan eingezeichnet. Wie der Name sagt, handelt es sich dabei um eine Telefonzelle, die zur Disko umgebaut wurde. "Wie funktioniert das?" – die Besucher stehen etwas ratlos davor. Auf der Beschreibung, die an der Telefonzelle angebracht ist, steht, dass pro Diskobesuch zwei Euro bezahlt werden müssen.

"Start the party!" leuchtet es auf dem Touchbildschirm daneben auf. Schnell finden wir heraus, dass das mit der Bezahlung eine Lüge ist. Sogar Fotos lassen sich umsonst machen. Auswählen können wir zwischen drei Songs: "YMCA", "Scream and shout" oder "Eye of the tiger". Wir entscheiden uns für Letzteres – na dann los!
4) Teledisko Part II – der furzende Dennis

"Na, Mädels gehen wir da zu dritt rein?", fragt uns Dennis, als wir gerade auf die kleinste Tanzfläche der Welt wollen. Da gut gequetscht drei Personen in die Zelle passen und jeder auf Festivals lieb zueinander sein sollte, sagen wir nicht nein. Wir ziehen die Tür hinter uns zu und das Intro des berühmten Survivor-Songs beginnt. Wir tanzen im Takt, soweit es der Raum zulässt. Gegen Ende erinnert die Disko dann doch mehr an eine Sauna – aber vielleicht ist genau das die wahre Disko-Erfahrung. Wir sind versucht, die Tür zu öffnen, und zu flüchten, ziehen den Song aber bis zum Ende durch.

Kurz vor Schluss verbreitet sich ein unangenehmer Geruch in der Luft. Dennis hat doch tatsächlich einen fahren lassen. Das also ist Festival-Liebe – man sollte eben aufpassen, wen man mit in die Mini-Disko nimmt.

Video: So war der Samstag auf der Sea You 2018 am Tunisee



5) Die Coachellaisierung der Sea You

Coachella

Ein berühmter Freizeitpark bietet gratis das perfekte Festival Make-up an. An anderer Stelle können sich die Festivalbesucher für Geld die Haare zum optimalen Festivallook flechten oder Blumenkränze aus echten Blumen anfertigen lassen. Die Coachellaisierung der Sea You hat begonnen. Neu ist ein "Bazar" in dem es alles mögliche zu erwerben gibt: Vom Badeanzug über die Unterwasserkamera bis hin zur Sonnenbrille.

Drei Besucher kaufen sich Klebetattoos, die sie direkt an der Kasse auseinanderschneiden, um festivalgerecht ihre Arme zu verzieren. Nur ein beliebter Festival-Look wirft fragen auf: Viele junge Frauen tragen Netzstrumpfhosen, was am heißesten Tag des Jahres doch etwas heikel ist. Schließlich verbreitet sich der Sonnenbrand rasend schnell auf den breiten Schultern und den Dekolletees. Oder ist der Sonnen-Abdruck einer Netzstrumpfhose dann das neue Sonnentattoo?
6) Die Floating Stage – ein Ort des Glücks

Floating

Das Auf und Ab der Floss-Bühne verbreitet Glückshormone: Auf der Stage 5 scheinen alle Besucher besonders glücklich. Gerade greift Paji aus Tel Aviv am Mischpult zu seiner Elektro-Geige. Manchmal, wenn sich einige der Tanzenden zu sehr im Gleichschritt bewegen, wackelt die Tanzfläche mit. Alle lachen und keiner sieht komisch beim tanzen aus, weil sich jeder – wegen des wackelnden Hin und Hers – nur unkontrolliert bewegen kann. Nur ein Pärchen wird nicht von der Freude dieser Stage erfasst: Sie ist sauer, weil er mal kurz ins Wasser gesprungen ist um sich abzukühlen. Er zuckt nur mit den Schultern und will ihr eine nasse Versöhnungsumarmung geben. Doch sie weist ihn mit einem bösen Blick zurück. Wer hier nicht das Glück mitnimmt, ist selbst schuld.

7) Eine Runde auf dem Karussell

Italian Trulli

Ein Ruck durchfährt meinen Körper. Ich hebe ab, schwebe meterhoch über den Boden. Ich mag das überhaupt nicht, wenn sich unter mir nichts als Luft befindet. Doch da muss ich jetzt durch. Bei einer Fahrt mit dem Kettenkarussell hat man ja nur noch Luft unter den Füßen. Es dreht sich schneller, immer schneller. Eine Kraft drückt mich nach außen. Im Physikunterricht habe ich gelernt, dass mein Körper, eine träge Masse, eigentlich gar keine Lust dazu hat, sich so zu bewegen, wie es die Drehbewegung des Karussells vorgibt: immer im Kreis, um die eigene Achse.

Je weiter weg man sich von der Rotationsachse befindet, desto stärker wirkt die Kraft. Ich befinde mich ganz weit weg von ihr. Tunisee, Bühnen, die Menschen rauschen verschwommen an mir vorbei. Ich höre Techno vom Mainfloor, Goa vom Proggi-Floor, Drums, Melodien, Geschrei. Minuten später habe ich wieder Halt unter den Füßen. Die Umwelt dreht sich weiter. Allmählich wird auch sie langsamer.

8) Dort, wo die Leute Schlange stehen

Flamingo

Direkt links von der Floss-Bühne befindet sich die Entspannungsinsel. Von ihr aus lässt es sich leichter in den See springen oder einfach unter Sonnenschirmen entspannen. Am Samstagabend sehnen sich plötzlich so viele Besucher nach einem Sonnenbad, dass die Ordner den Einlass stoppen. Wer stellt sich denn bitte an, um zu entspannen? Einige Sea-You-Besucher warten jedenfalls geduldig.

Auch vor den Engelsflügeln, die am Ufer neben der Chillout-Stage angebracht sind, reihen sich die Festivalgänger brav ein. Ein Freiburger Modehaus verspricht hier die ultimative Festival-Erinnerung in Form eines Polaroidfotos. Ein weiterer Coachella-Moment. Die einzige Schlange, bei der wir es bereuen, dass wir uns nicht angestellt haben, ist die vorm Flamingo-Verleih: Wir hätten das Riesenflamingo-Paddelboot so gerne getestet – doch dort ist einfach durchgehend zu viel los – die Zeit investieren wir lieber in Festival-Acts.

9) Im Techno-Gewitter

Hart, härter, Beyer. So lautet eine bekannte Steigerungsformel in der Techno-Musik. Sie bezieht ihren Namen von Adam Beyer, 1976 in Stockholm geboren, seit 1996 Inhaber des Plattenlabels Drumcode. Mit diesem trieb er die Minimalisierung von Techno voran. Sein größtes Vorbild: Jeff Mills.

Beyer, semmelblonder Hüne mit breiten Schultern und knabenhaftem Lachen auf den Lippen, jagt peitschende Rhythmuspattern, wild rüttelnde 32tel-Ketten und ostinat stampfende Bässe, in das Dunkel des Zelts. Eine komplexe, zugleich aber auch elementare Musik. Diese nicht-tonalen Gebilde muss man sinnlich erfahren. Das heißt: Die Augen schließen, in die Mitte der Tanzfläche stehen, dorthin, wo der Sound am besten klingt, und sich fallen lassen.

10) Bass muss Liebe sein

Bei Klaudia Gawlas ist das Techno-Zelt voll. Besucher reiben ihre schwitzenden Oberkörper aneinander und versprühen fast so viele Glückshormone wie auf der Floating-Stage. Der Vibe im Zelt ist anders und versprüht eine Art Zauber. Vielleicht ist es aber auch nur die Art, wie Klaudia Gawlas den Bass einsetzen lässt. "Bass muss Liebe sein" steht auf dem Schild einer Besucherin. Als Gawlas die Inschrift entdeckt, versprüht sie nur noch mehr Liebe: und schickt Kusshände Richtung Schildträgerin.

11) "Allez les Bleus!"

Bereits am Samstag sind viele Besucher entsprechend des WM-Finales gekleidet: Die Trikolore in Kostümform oder um die Schulter gebunden und einfach nur das blaue Trikot dazu kombiniert – dieser Look begegnet einem immer wieder. Die kroatischen Gegner sind deutlich in der Unterzahl: Die Trikotquote lautet ungefähr 20:4 für die französischen Nachbarn.

Dann steht am Sonntagabend fest, dass Frankreich Weltmeister ist. Ein Besucher ist nicht mehr zu halten, während Jeff Mills (der in Paris wohnt) im Techno-Zelt auflegt: Er schwenkt seine Trikolore, auf der sich bereits eine WM-Pokal-Abbildung befindet und lässt sich auf den Schultern eines Besuchers durch das gesamte Zelt tragen und feiern. So geht ein Weltmeister.

12) Im Pop-Himmel

Alle Farben

Aus dem Untergrund in die Radio-Charts: Dass elektronische Musik in der breiten Masse angekommen ist, zeigen die Beispiele von Frans Zimmer und Felix De Laet, die beide auf der Seebühne auftreten. Der eine, Zimmer, nennt sich als Künstler Alle Farben. Der andere, De Laet, tritt seit 2014 als Lost Frequencies auf.

Zimmer, geboren und aufgewachsen in Berlin, hat im April dieses Jahres mit dem Singer-Songwriter Kelvin Jones die Single "Only Thing We Know" veröffentlicht, seine eigene, neue Single heißt "H.O.L.Y.". Das Akronym steht für "high on loving you". Eine Tanzballade mit Trompeten- und Piano-Instrumentals. De Laet hat sich in diesem Frühjahr mit James Blunt zusammen getan und den Song "Melody" veröffentlicht. Der Song hält sich seit Anfang Mai in den Top Ten der Charts in Belgien, Österreich und der Schweiz.

Melodienreich sind auch ihre Sets, die sie zur untergehenden Sonne spielen. Die visuelle Ebene unterstreicht den Pop-Anspruch. Filmsequenzen und kurze Textbotschaften sind auf die Songs abgestimmt. Sie geben vor, was die Tänzer fühlen müssen. Meistens Liebe. Liebt einander, liebe dich selbst. Smartphone raus, Selfie vor der Videowand, Hashtag Herz.

13) So klingt der Saturn

Jeff Mills

Anfang Juli haben Forscher der University of Iowa entschlüsselt, wie der Saturn klingt. Dazu haben sie die letzten Daten ausgewertet, die die Raumsonde Cassini kurz vor ihrem Verglühen zur Erde gesendet hat. Jeff Mills, Techno-Legende aus Detroit, hat Ähnliches rund 26 Jahre zuvor getan. Damals veröffentlichte er mit Mike Banks das Album "X-102 Rediscovers The Rings Of Saturn". Musik wie ein Code, Musik mit einem alternierenden Charakter. Sie könnte eine Botschaft aus dem All sein, genauso wie eine Botschaft an das All. Kleine, rhythmische Fragmente, durch eine scheinbar endlose Wiederholung intensiviert.

Mills Finger rasen über die Pads seines Drumcomputers, eine Roland TR-909. Bassdrum-, Snare Drum- und HiHat-Muster jagt er durch die Boxen. Beeindruckend, wie entfesselt das klingt, obschon Mills am Mischpult jede Frequenz kontrolliert. Mills’ musikalische Welt liegt außerhalb irdischer Bezüge. Die Zukunft der Menschheit werde nicht auf der Erde, sondern irgendwo im Weltall stattfinden, betont er regelmäßig in Interviews.

Die Dekoration im Techno-Zelt könnte kaum passender sein. Über ihm hängen dutzende Parabolschirme. An deren Antennen leuchten blaue und rote Lichter auf. Binäre Codes. Auf einmal ein Synthesizer-Dreiklang in B-Moll. Das vielleicht bekannteste Motiv der Techno-Musik. Jeff Mills spielt sein Stück "The Bells" aus dem Jahr 1997. Die Tänzerinnen und Tänzer rasten aus. Mills selbst verschwindet im Nebel, bleibt ruhig am Mischpult stehen. Einer muss ja den Überblick behalten.

Mehr zum Thema: