12 Bücher, die Du in diesem Sommer lesen solltest

fudder-Redaktion

Spannend, lustig, autobiografisch oder grafisch: Das fudder-Team empfiehlt die besten Bücher für den Sommerurlaub.

Echter als das Leben

Knausgårds sechsteiliger Romanzyklus ist das zugleich langweiligste und intensivste, was ich an Literatur kenne. Die Frage nach der Handlung ist schnell beantwortet: Der Norweger schreibt über sich selbst. In aller Schonungslosigkeit und höchster Kunstfertigkeit. Sein erster Band heißt "Sterben". Hier arbeitet sich Knausgård an der schwierigen Beziehung zu seinem Vater ab – von der Kindheit in der Provinz bis zu dessen Tod. Zugegeben: Die ersten hundert Seiten habe ich gebraucht, um mich auf Ton und Tempo einzulassen. Dann aber lichtet sich das Knausgårdsche Universum wie eine beschlagene Fensterscheibe – und lässt tief blicken. Nach der Hälfte des Buches erinnere ich mich an Ereignisse aus Knausgårds Leben, als habe sie mir ein Freund erzählt. Nach der letzten Seite greife ich gleich zum nächsten Band. Jetzt bin ich bei Nummer drei. Kathrin Müller-Lancé
Karl Ove Knåusgard: Sterben. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. btb, München, 2013. 576 Seiten. 10,99 Euro (Taschenbuch), 9,49 Euro (E-Book).

Sex, Drugs & Elektro

"Ich lese Moby", sage ich zu meiner Freundin. "Moby Dick?", fragt sie. Nein, ich lese nicht die Erfolgsgeschichte eines Wals – sondern die eines Veganers, eines Alkoholikers, eines DJs: Das Leben von Richard Melville Hall, der in den Neunzigern unter seinem Spitznamen "Moby" mit "Go" zum Popstar wurde. Heute leben DJs in Sternehotels – Moby damals zwischen Pappkartons. Er musste neben Obdachlosen Pfandflaschen abgeben, um sich eine Flasche Bio-Orangensaft leisten zu können. Für den damals Anfang-Zwanzigjährigen Luxus. Moby beschreibt sehr szenisch und ehrlich, wie er vom armen Studienabbrecher zum DJ-Messias der Neunziger wurde – zwischen Erfolg, Sex, Alkohol und Gebeten. Es ist nicht nur ein Buch, das den Aufstieg eines Künstlers beschreibt. Es packt dich an der Hand und reißt dich in die damalige Underground-Clubszene von New York. Laura Wolfert
Moby: Porcelain. Autobiographie. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Neubauer. Piper Verlag, München/Berlin, 2016. 463 Seiten. 24 Euro (gebunden), 19,99 Euro (E-Book).

Literarische Nabelschau

Thomas Glavinic schreibt über Thomas Glavinic. Er ist Autor, hat ein Buch geschrieben, und möchte den gleichen Erfolg wie sein Freund Daniel Kehlmann mit seinem Roman "Die Vermessung der Welt" – er will den Deutschen Buchpreis. Außer ihn selbst scheint das jedoch niemanden zu interessieren. Glavinic’ Alter Ego ist im Grunde ein sehr einsamer Mensch. Zwar lebt er mit seiner Ehefrau Else und ihrem gemeinsamen Sohn Stanislaus zusammen, die beiden bleiben ihm jedoch stets ein Rätsel. Hinzu kommt seine nervtötende Mutter, die sich in alle Lebenslagen drängt und nicht müde wird ihn darauf hinzuweisen, dass sein Freund Daniel ein erfolgreiches Buch geschrieben hat und warum er so etwas nicht schreibt. Der Held des Buches googelt sich selbst, schickt betrunken E-Mails an alte Bekanntschaften und versinkt am nächsten Morgen vor Scham für sein nächtliches Handeln im Boden. "Das bin doch ich" ist ein Roman mit autobiografischen Zügen, der auf kluge Art und Weise den Literaturbetrieb karikiert – lautes Lachen garantiert. Benjamin Wissing
Thomas Glavinic: Das bin doch ich. Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2007. 240 Seiten. 9,90 Euro (Taschenbuch), 9,99 Euro (E-Book).

Spannend wie Francis Underwood

Für dieses Buch habe ich meine Lieblingsserie vergessen: Statt jeden Abend House of Cards zu suchten, blätterte ich Buchseiten um. Unterleuten, so nennt sich ein Dorf in der brandenburgischen Pampa. Von elf Einwohnern lernt der Leser kapitelweise das Innenleben und ihre Fehler und Schwächen kennen – was sie größtenteils nur sympathischer macht. Anstatt von Landidylle wird Unterleuten von Misstrauen und Egoismus beherrscht. Als dann der Bürgermeister den Bau eines Windparks verkündet, drohen verschiedenste Dorffehden zu eskalieren. Juli Zeh behauptet, ihr neuester Roman sei ein Gesellschaftsroman – ob das stimmt, sollte jeder selbst entscheiden. Realität gibt es trotzdem im Buch: Alle Internetdomains existieren wirklich. So lässt sich zum Beispiel herausfinden, wer hinter den Windkraftanlagen steckt: "Die Windenergie-Profis aus Freiburg".Tamara Keller
Juli Zeh: Unterleuten. Roman. Luchterhand, München, 2016. 635 Seiten. 24,99 Euro (gebunden), 19,99 Euro (E-Book).

Freiburg, Freundschaft & Fehler

Jussi Adler-Olsens erster Thriller aus 1997 spielt in Freiburg. 1944: Die britischen Piloten Bryan und James stürzen bei einem Luftangriff über Deutschland ab. Um nicht als Feinde entlarvt zu werden, nehmen sie die Identität verwundeter deutscher Soldaten an und landen im "Alphabethaus", eine psychiatrische Einrichtung für Kriegssoldaten. Dort müssen sie ihre deutsche Identität und Kriegsneurose vortäuschen, um nicht als Simulanten entdeckt zu werden. Allerdings haben sich SS-Offiziere ebenfalls eingeschleust, um der Front zu entkommen, und werden auf die beiden aufmerksam.Viel mehr als vom Krieg handelt die Geschichte von Freundschaft und Fehlern. Ein sehr packendes Buch, dass durch Szenen am Schlossberg oder in Freiburgs Altstadt besonders real und spannend wird. Vanja Tadic
Jussi Adler-Olsen: Das Alphabethaus. Roman. Aus dem Dänischen übersetzt von Hannes Thiess und Marieke Heimburger. dtv, München, 2012. 576 Seiten. 9,95 Euro (Taschenbuch), 8,99 Euro (E-Book).

Persönlichkeitsfindung

"Eloise Pinson, 10, Rue de Nancy, 75010 Paris" – nichts davon ist der jungen Eloise ein Begriff, als sie sich eines späten Nachmittags auf einer Parkbank wiederfindet. Sie hat ihr Gedächtnis verloren, außer ihrer Handtasche und ihrem Ausweis hat sie nichts bei sich. Wer sie ist, weiß sie nicht – was sie kennt, sind die Kulturtechniken einer Großstädterin, populäre Medien und Mainstream-Filme. An Freunde, Familie und ihre Arbeit kann sie sich nicht erinnern. Die "Graphic Novel" begleitet die Mittzwanzigerin auf anrührende und sehr lustige Weise beim Erkunden und Aufspüren ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit – aber viel ist da nicht: Ein leeres und banales Leben, keine spannenden individuellen Facetten, keine eigene Geschichte. Also alles nochmal von vorn! Innere Monologe von Eloise erschaffen grandios gezeichnete abstruse Szenarien über das mögliche Eintreten ihrer Amnesie – sie muss entweder Geheimagentin oder ein Klon ihrer Selbst sein – und zeigt uns, was man aus dem Leben machen kann, wenn man es auf einmal von außen betrachtet. Ihre Phantasie spielt Eloise durchweg Streiche, und wir dürfen bei mancher Sequenz rätseln, ob es jetzt wieder ein wunderbar absurd erdachtes Szenario ist, oder die eigentliche Realität. Eine fantastische "Graphic Novel", in der wir uns liebevoll angestupst wiederfinden und bei der wir wirklich sehr laut lachen können. Laura Maria Dzymalla
Boulet: Wie ein leeres Blatt. Graphic Novel. Gezeichnet von Pénélope Bagieu. Carlsen Verlag, Hamburg, 2013. 208 Seiten, 17,90 Euro (gebunden).

Als wir noch Mixtapes machten

16 ist ein großartiges Alter. Ich war das 1996, mein Jahr der ersten Male. Den Soundtrack dazu lieferte die US-amerikanische HipHop-Gruppe De La Soul mit ihrem Album "Stakes Is High". Vielleicht war es deshalb Liebe auf den ersten Satz bei André Kubiczeks neuem Roman "Skizze eines Sommers". René, der Protagonist, ist ebenfalls 16. Er lebt im Potsdam der Achtziger. Vorwendezeit. Er ist schüchtern und introvertiert. Er merkt nicht, dass ihn die Mädels toll finden. Und selbst findet er zunächst keine Sprache, um auf Mädels zuzugehen. Bis er für eine ein Mixtape zusammenstellt, mit Post-Punk, New Wave, düsterem und hellem Pop. Der Soundtrack seines "Summer of love", der ihn durch die Höhen und Tiefen seines Gefühlslebens begleitet. Allzu gern wäre man wieder 16 und würde ein Mixtape für eine Frau zusammenstellen. Eine Spotify-Playlist kommt da einfach nicht ran. Bernhard Amelung
André Kubiczek: Skizze eines Sommers. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Reinbek, 2016. 384 Seiten. 19,95 Euro (gebunden), 16,99 Euro (E-Book).

Perfekt für einen Spätsommernachmittag

Ein bisschen morbide, seltsam und poetisch: "Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen" ist eine Erzählung, die mit ihrer Melancholie und Schönheit perfekt zu einem Spätsommernachmittag passt. Der Autor bezeichnet sie treffend als "Detektivgeschichte aus den düsteren Niederungen der Kleinstadtpubertät". Sein Protagonist Jan streift auf dem Dachboden seines Onkels herum, fotografiert tote Katzen und hadert mit den Mysterien der Erwachsenenwelt. Zum Beispiel Schubladen voller linker Socken, dem geheimen Leben der Antiquare und Grammophonen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen. Ob er in seiner Mitschülerin Claudia die schrecklich traurige Freundin findet, die er sich so sehr wünscht? Ein weises und sehr lesenswertes Buch über die Liebe und andere Dinge, die wir bis heute nicht verstehen. Brigitte Rohm
Philipp Multhaupt: Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen. Novelle. Periplaneta, Berlin, 2016. 142 Seiten. 12,50 Euro (Taschenbuch), 6,99 Euro (E-Book).

Nebel, Moor & Nieselregen

"Die Lebenden und die Toten von Winsford" ist keine klassische Sommerlektüre. Aber wenn ein Buch so gut ist, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen will, ist mir das sehr egal. "Vorgestern beschloss ich, meinen Hund zu überleben. Das bin ich ihm schuldig. Zwei Tage später, also heute, beschloss ich, in Wheddon Cross ein Glas Rotwein zu trinken." Eine Frau aus Schweden reist mit ihrem Hund nach Exmoor, eine abgeschiedene Gegend in Englands Südwesten. Was sie dort will, was sie zu verbergen hat und wen oder was sie hinter sich lässt, erschließt sich Stück für Stück - langsam, niemals langatmig. Seltsame Dinge passieren - tote Vögel vor der Tür, ihr Hund verschwindet, ein weißes Auto verfolgt sie – die das krimispannend machen. Könnte daran liegen, dass Håkan Nesser Schwedens Krimiautor Nummer eins ist: Er weiß, wie das mit der Spannung geht. Er versteht es aber auch, auf kluge und philosophische Weise die südenglische Heide zu beschreiben, das Alleinsein der Frau, das keine Einsamkeit ist. Meinen nächsten Urlaub verbringe ich in Exmoor. Alleine, mit Hund. Gina Kutkat
Håkan Nesser: Die Lebenden und die Toten von Winsford. Roman. Aus dem Schwedischen übersetzt von Paul Berf. btb, München, 2014. 464 Seiten, 19,99 Euro (Gebunden), 8,99 Euro (E-Book).

California Dreaming

Stuckimann, so wird man den Autor nennen, wenn man dieses hervorragende Buch fertig gelesen hat. Anfang der Nullerjahre war Stuckrad-Barre Popliteratur-Sternchen #1, aber dann kamen die Drogen und die Magersucht und noch mehr Drogen und aus war’s mit dem Schreiben. "Panikherz" ist Stuckimanns Rückkehr zu alter literarischer Größe. Erschöpfend katalogisiert er seine eigenen Unzulänglichkeiten und richtet seinen scharfen Blick nicht nur auf sich selbst sondern auch auf Literaturbetrieb, Journalismus, Musikszene, Fantum und – und das ist mein persönlich liebster Teil – Los Angeles. Stuckimann wohnt nämlich im Chateau Marmont, shoppt im Trader Joe’s gegenüber, hängt mit Bret Easton-Ellis rum und geht mit Thomas Gottschalk zu Konzerten in der Hollywood Bowl. Der liebenswerteste Promi im Buch ist allerdings Lindenberg, der – kein Witz – dem kaputten Stuckimann die Welt zeigt und das Leben rettet, irgendwie. Müsste man eigentlich am Strand von Malibu lesen, aber jedes Freibad ist ein guter Ersatz. Carolin Buchheim
Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz. Roman. Kiepenheuer&Witsch, Köln, 2016, 576 Seiten, 22,99 Euro (gebunden), 19,99 Euro (E-Book)

Philosophischer Alpenaufenthalt

Sommerurlaub heißt meistens zwei Dinge aushalten: Hitze und einen Überschuss an Zeit. Thomas Manns "Zauberberg" spielt in einer Lungenklinik hoch oben in den Schweizer Alpen. Der Winter ist dort lang. Das kühlt. Und der Roman handelt ziemlich aufdringlich von Zeit: Von ihrem Verstreichen, von unserer Wahrnehmung der Gegenwart und vom Zeitgeist. Die Handlung ist überschaubar: Hans Castorp besucht seinen tuberkulosekranken Cousin im Sanatorium. Er bleibt noch ein wenig länger. Castorp lernt Mitpatienten kennen und führt Gespräche. Schwuppdiwupp sind sieben Jahre um. Thomas Mann hat ein Buch geschrieben, in dem man sich verlieren kann wie Hans Castorp in seiner philosophischen Freiluftkur. In "Der Zauberberg" kann man sich einwickeln wie in eine Decke. Mit 1.000 Seiten ist der Roman ein echtes Sommerlochprojekt. Martin Jost
Thomas Mann: Der Zauberberg. Roman Erstmals 1924 erschienen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1991, 1.008 Seiten, 112,95 Euro (Taschenbuch), 11,99 Euro (E-Book).

New York im Chaos

City on Fire ist das Portrait einer Stadt kurz vor dem Kollaps, New York, und jenes einer Vielfalt an Menschen, denen es kaum besser ergeht: verliebte Teenager und entliebte Mid-Life-Crisler, ein Autor, der noch nicht wirklich was geschrieben hat und ein Polizist, der seinem letzten Fall lösen muss. Diese Leben, die sich sonst nur tangieren, prallen aufeinander als New York implodiert, im Sommer 1977, als das Licht in der gesamten Stadt ausfällt und sie endgültig ins Chaos stürzt. Die miteinander verwobenen Geschichten sind wild und traurig, ausgelassen und melancholisch; und der Roman als Ganzes ehrgeizig, gewaltig und – lang, lang genug jedenfalls, um den ein oder anderen Urlaubstag zu füllen. Perfekter Schmöker, dem man verzeiht, dass nicht alle Figuren die gleiche Tiefe haben. Maria-Xenia Hardt
Garth Risk Hallberg: City on Fire. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2016, 1080 Seiten, 21,99 Euro (gebunden), 21,99 Euro (E-Book).