Bilanz

111 Tage Späti: Wie es lief, wie es ist und was kommt

Anika Maldacker & Gina Kutkat

Der Späti wird an diesem Donnerstag 111 Tage alt. Welches Fazit zieht das Kollektiv aus diesen rund drei Monaten? Welche Schwierigkeiten gab es und welche Neuerungen sollen kommen?

Müsste das Späti-Team die letzten dreieinhalb Monate in einem Satz zusammen fassen, würde dieser lauten: "Es ist immer noch total überraschend, was passiert ist." Florian Höntsch und Ramona Arnreich gehören seit Tag eins zum nun 11-köpfigen Kollektiv, das sich um den Bis Späti in der Egonstraße kümmert – und sie ziehen zufrieden und erschöpft Bilanz. "Es ist immer ein Spagat und wir haben mehr Arbeit als gedacht", sagt Höntsch. Jeder im Kollektiv sei nun doppelt so stark gefordert wie zuvor. "Das positive Feedback hat uns aber total umgehauen", sagt Ramona Arnreich.


Seit genau 111 Tagen hat der Späti im Stühlinger nun seine Türen geöffnet und prägt seitdem das Viertel. Mit der kälteren Jahreszeit verwandele sich der Bis Späti immer mehr vom Spätkauf in eine Kneipe. "Am Wochenende ist es nun meistens drinnen voll", erzählt Ramona Arnreich, "die Leute kommen, spielen, trinken Tee, Bier oder Limo". Das Kollektiv will in Zukunft verschiedene neue Formate wie einen Mittagstisch, eine Nähwerkstatt und ein Repair-Café etablieren. Der Wunsch ist, dass die Veranstaltungen von freiwilligen Gruppen organisiert und ausgeführt werden. Der Späti soll als Plattform fungieren. "Aber das muss alles ordnungsgemäß organisiert sein, und das dauert oft", sagt Höntsch. Zehn Kollektivmitglieder sind nun Inhaber des Spätis, allen werde eine Aufwandsentschädigung gezahlt, die auf die verschiedenen Lebenssituationen der Mitglieder abgestimmt sei.

Der Spätkauf – eine Mischung aus Kiosk, Supermarkt und Kneipe – sei nun im Stühlinger etabliert, sagt Höntsch. Sein Alleinstellungsmerkmal sind die späten Öffnungszeiten: unter der Woche ist bis 2, am Wochenende bis 4 Uhr nachts offen. Schon die Idee, in Freiburg einen Spätkauf zu etablieren, schlug Anfang 2019 hohe Wellen. Innerhalb kürzester Zeit bekam das damals achtköpfige Kollektiv einen Raum angeboten: Im ehemaligen Josephstüble, einer Eckkneipe in der Egonstraße im Stühlinger, unterschrieben sie einen Mietvertrag. Am 21. Juni, als der CSD durch Freiburg zog, eröffnete ihr Spätkauf. Schon von Tag eins an war der Laden ein Erfolg.

Nach dem erfolgreichen Start kamen die Probleme

Aber schon nach ein paar Wochen beschwerten sich Anwohner, weil sich an warmen Abenden vor dem Geschäft viele Leute aufhielten. Das Späti-Team reagierte und schickte ihre Kundschaft konsequent weiter. Das führte zu einer Problemverlagerung auf den Lederleplatz ein paar hundert Meter weiter im Stühlinger. Anwohner dort klagten über Lärm, das Ordnungsamt schickte den Kommunalen Ordnungsdienst vorbei – und die Späti-Betreiber wiesen das Problem von sich. "Wohin die Leute weiterziehen, liegt nicht in unserer Macht", sagte Florian Höntsch damals. Dennoch versuchte das Kollektiv mit einem Beschwerdetelefon den Ärger abzumildern.

Um die Lage zu beruhigen, schlug das Ordnungsamt dem Kollektiv im September vor, die Verkaufszeiten für Alkoholisches zeitlich zu begrenzen. Dem Ordnungsamt zufolge sollte die Begrenzung bei 23.30 Uhr liegen, das Bis-Späti-Kollektiv widersprach dieser Darstellung kurz darauf: Die Behörde soll sogar vorgeschlagen haben, ab 22 Uhr keinen Alkohol zu verkaufen. "Da könnten wir den Laden zumachen", hatte Späti-Geschäftsführer Florian Höntsch damals kommentiert. Das Kollektiv lehnte mithilfe eines Anwalts ab. Seither hat das Ordnungsamt nicht mehr reagiert.

"Die Lage hat sich beruhigt", sagt Ramona Arnreich. Das regnerische Wetter sorgt inzwischen dafür, dass sich die Leute nicht mehr auf dem Lederleplatz aufhalten und das Innere des Bis Späti immer mehr gefragt ist. "Wir sind am Tag eine Art Café und abends eine Kneipe." Seit der Auseinandersetzung mit dem Ordnungsamt achtet das Kollektiv noch genauer auf seine Verkäufe. "Wir weisen daraufhin, dass die Leute ihre Getränke nur im Laden öffnen dürfen, wenn sie drinnen bleiben", sagt Ramona Arnreich.

Kommende Woche soll bei einer Diskussionsveranstaltung der Jupi-Fraktion im Freiburger Gemeinderat über die Lärmkonflikte vor dem Bis Späti und am Lederleplatz und debattiert werden. Auch das Späti-Kollektiv will mitdiskutieren. "Ich habe echt Lust darauf, das Viertel mitzugestalten", sagt Ramona Arnreich, "und dabei auf Anwohner und nachtaktive Menschen gleichzeitig Rücksicht zu nehmen."
Bis Späti

Freiburgs "Bis Späti" orientiert sich mit seinem Konzept an Spätkauf-Läden, die aus Städten wie Berlin oder Leipzig bekannt sind. Die Ladenöffnungszeiten weichen von denen der normalen Supermärkte ab; ursprünglich waren die Spätverkaufsstellen in der DDR entstanden, um Schichtarbeiter mit Lebensmitteln zu versorgen. In der Egonstraße 45 gibt es außerdem eine Solikasse, ein Tauschregal, eine Kiste für Lebensmittel aus Containern und Kaffee auf Spendenbasis.

  • Was: Späti, Lederleplatz, Lärmkonflikten - Der Sommer im Stühlinger
  • Wann: Donnerstag, 17. Oktober
  • Wo: Egon 54