Wegwerfgesellschaft

11 gute Ideen für weniger Essen im Müll

Sebastian Krüger

Zwischen 11 und 18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr im Müll. Die fudder-Redaktion stellt elf Initiativen vor, die versuchen, diese Verschwendung einzudämmen.

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel schmeißen die Deutschen jedes Jahr in den Müll. Mindestens. Das ist das Ergebnis einer Studie der Uni Stuttgart aus dem Jahr 2012. Drei Jahre später errechnete die Umweltschutzorganisation WWF sogar 18 Millionen Tonnen, die Jahr für Jahr weggeschmissen werden.


Das wären 313 Kilogramm pro Sekunde und entspräche fast einem Drittel der für Deutschland produzierten Nahrung. Die Verschwendung ließe sich vermeiden. Schließlich könnte ein Großteil des Essens, das nicht im Magen sondern im Müll landet, bedenkenlos verzehrt werden.

Ein Umdenken findet statt – die elf größten Trends

Doch beim Verbraucher und im Gaststättengewerbe findet ein Umdenken statt. Insbesondere auf lokaler Ebene bilden sich Gruppen und Initiativen, die der Lebensmittelverschwendung etwas entgegensetzen wollen. Ein Überblick über die elf größten Trends:

1. Die Initiative "Foodsharing"

Die wohl bekannteste Initiative, die sich gegen die Lebensmittelverschwendung engagiert, ist Foodsharing. Der gemeinnützige Verein kooperiert mit mehr als 3900 Betrieben, unter anderem mit Bäckereien und Tankstellen, aber auch mit Supermärkten wie Edeka. Für Betriebe rentiert sich die Kooperation, da sie sich nicht mehr um die Entsorgung ihrer überschüssigen Produkte kümmern müssen. Die Mitglieder von Foodsharing – sogenannte Foodsaver – retten Essen vor der Mülltonne, indem sie Lebensmittel einsammeln, sortieren und kostenlos verteilen, an festen, sogenannten Fairteiler-Punkten.



"In Freiburg sind wir circa 1000 Foodsaver, überwiegend aus dem studentischen Bereich." Barbara Bode
Mitmachen kann im Prinzip jeder, der das Quiz zum Foodsaver absolviert hat und zuverlässlich ist. Mittlerweile hat der im Jahr 2012 gegründete Verein in fast jeder größeren Stadt in der Schweiz, Österreich und Deutschland lokale Ableger und mehr als 200.000 registrierte Nutzer. "In Freiburg sind wir circa 1000 Foodsaver, überwiegend aus dem studentischen Bereich", sagt Barbara Bode vom Foodsharing Team Freiburg, das mit insgesamt 33 Betrieben in der Stadt kooperiert.

2. Die Tafeln

Die Tafeln haben Vereinbarungen mit Supermärkten, Tankstellen und Bäckereien abgeschlossen und sammlen dort überschüssige Lebensmittel ein, um sie an Menschen mit wenig Geld zu verteilen. Die Freiburger Tafel gibt es als gemeinnützigen Verein bereits seit 1999. "Wir versorgen täglich 350 Freiburger Haushalte mit Lebensmitteln und geben pro Monat 62 Tonnen Lebensmittel aus", sagt Anne-Catrin Mecklenburg von der Freiburger Tafel.

3. Die App "Too good to go"

"Too good to go" schafft eine Win-Win-Situation für Restaurants und Gourmets: Die kostenlose App vernetzt Gastro-Betriebe mit zu viel zubereitetem Essen mit hungrigen Kunden, die einen geringeren Preis dafür zahlen. "In Deutschland haben sich 700 000 Nutzer die App bisher heruntergeladen. 1500 gastronomische Betriebe nehmen teil", sagt Sprecherin Theresa Rath. In Freiburg sind es aktuell 14. Die Macher sind glücklich: "Wir haben den Meilenstein von zwei Millionen geretteten Mahlzeiten erreicht. Dadurch wurden knapp 4000 Tonnen CO2 eingespart", rechnet Rath vor. 4. Die App "Beste Reste"

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat vor fünf Jahren die App "Beste Reste" entworfen, die nach Angaben der Bundesregierung seither mehr als 600.000 Mal heruntergeladen worden ist. "Vielfach mangelt es an Wissen oder Erfahrung, wie aus Resten Leckeres zubereitet werden kann. Wem die Neigung oder die Fantasie fehlt, der kann sich auf der Rezepte-App Anregungen holen", heißt es auf der Seite der Bundesregierung. Sterne- und Hobbyköche haben insgesamt 340 Rezeptideen für übriggebliebene Lebensmittel eingebracht. Wer selbst neue Ideen einbringen will, kann dies unter www.zugutfuerdietonne.de tun.

5. Der Outlet Food Laden "SirPlus Berlin"

Umweltaktivist Raphael Fellmer wurde deutschlandweit bekannt, weil er fünf Jahre ohne Geld gelebt hat. Jetzt startete er ein neues Projekt: Er will Müll in Geld umwandeln. Im September eröffnete der Foodsharing-Mitbegründer mit zwei Mitstreitern in Berlin einen Supermarkt, der Lebensmittel verkauft, die Discounter wegwerfen. 70 verschiedene Artikel stehen in den Regalen: Süßigkeiten, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum demnächst endet – oder krumme Möhren. Fellmer und seine Kollegen wollen expandieren: In den nächsten fünf Jahren soll eine deutschlandweite Kette entstehen.
6. Das geplante Stuttgarter Café "Raupe Immersatt"

Diesen Winter möchten fünf junge Leute in Stuttgart die Raupe Immersatt eröffnen. Dabei soll es sich um das erste gemeinnützige Foodsharing Café in der Stadt handeln. Die Idee: Essen soll kostenlos angeboten werden und für die Getränke – Bio-Limonaden, Bio-Kaffee, Bio-Bier – sollen die Kunden so viel zahlen, wie sie möchten.

"Wie wollen ein größeres Bewusstsein für einen wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln zu schaffen." Maximilian Kraft, Mitbegründer
Ziel sei es, "ein größeres Bewusstsein für einen wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln zu schaffen", erklärt Maximilian Kraft. Um das zu erreichen wollen die Lebensmittelretter Kochkurse, Vorträge und Bildungsangebote organisieren. Aktuell sucht das Team aber noch nach einem geeigneten Raum. "Das ist unsere letzte große Hürde. Die Stadt unterstützt uns dabei, aber noch ist nichts spruch- und druckreif", so Kraft. Immerhin haben die Initiatoren innerhalb von 30 Tagen über eine Crowdfunding Kampagne 26.000 Euro für ihr Projekt gesammelt.



7. Die Nachernte auf dem Lammertzhof in Neuss

400 Kilogramm Kartoffeln, 300 Salatköpfe, 1000 Maiskolben – das war die Bilanz der Nachernte auf dem Acker von Biolandwirt Heinrich Hannen aus Neuss. "Mit unserem Hof könnten wir doppelt so viele Menschen ernähren, würden wir die Lebensmittel richtig verwerten", ist Hannen überzeugt. Das Problem: Zwischen 20 und 40 Prozent seiner Erzeugnisse bleibt auf seinen Feldern liegen, weil er dafür keine Abnehmer findet. Und das obwohl es sich um Bio-Gemüse handelt, das in puncto Form und Aussehen nicht so strikten Reglementierungen unterliegt wie konventionelles Gemüse.

Seit drei Jahren lädt Hannen daher Menschen auf seinen Hof zur Nachernte ein. An drei Tagen im September können die Leute mitnehmen, was sie finden – und das sind immerhin noch 1,5 bis 2 Tonnen Gemüse, sagt er. Im ersten Jahr seien nur 20 Leute gekommen, diesen Herbst schon 200. "Unter ihnen auch Familien mit Kindern, bei denen der Spaß im Vordergrund steht, was pädagogisch wertvoll ist", so der Bio-Landwirt, der vor vier Jahren den Verein Lebensmittel-fair-teilen gegründet hat. Wirtschaftlich Rechnen tue sich die Aktion für ihn nicht. Vielmehr handle er aus Überzeugung, um "die Spirale der Verschwendung zu durchbrechen".

8. Die Online-Plattform "Mundraub"

Wo stehen in Ihrer Stadt Birnbäume? Und wo gibt es die besten Nüsse? Die fünf Initiatoren der Plattform Mundraub sind davon überzeugt, dass Deutschland eine für alle Menschen "weitgehend zugängliche essbare Landschaft" habe, schreiben sie auf ihrer Website.



Die mittlerweile mehr als 60.000 registrierten Mitglieder können sich darüber austauschen, wo man heimisches Obst im öffentlichen Raum pflücken kann. So kartieren sie Flächen, auf denen bisher 48.500 Standorte eingezeichnet sind, auf denen essbare Kräuter, Obstbäume und -sträuche wachsen. 9. Das verbotene Hobby "Containern"

Beim Containern durchsuchen Aktivisten Mülltonnen auf dem Gelände von Supermärkten nach Produkten, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Das heißt nicht, dass die Lebensmittel nicht mehr genießbar oder gar verdorben sind. Im Gegenteil: Die meisten Produkte lassen sich bedenkenlos auch Tage und Wochen nach Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatum noch essen. Das Problem beim Containern: Es ist strafbar, da es sich rein rechtlich um Diebstahl handelt. Wer nachts über ein Tor klettert, um auf das Gelände des Supermarktes zu kommen, kann zusätzlich noch wegen Einbruchs und Hausfriedensbruchs belangt werden.

Laut Lars Petersen, Richter am Amtsgericht Freiburg, ist "das Phänomen des Containern in Freiburg in strafrechtlicher Hinsicht völlig unbekannt". Heißt: In der Vergangenheit gab es in Freiburg keine Fälle, bei denen Menschen angeklagt oder verurteilt worden sind. Sollte es mal zu einer Verhandlung kommen, seien sowohl eine Geldstrafe als auch eine Verfahrenseinstellung möglich, so Petersen. 10. Das Restaurant "Restlos glücklich Berlin"

Den Social Award des Gastro-Gründerpreises gewann 2016 das Neuköllner Non-Profit Restaurant Restlos glücklich, deren Menüs zu 95 Prozent aus aussortierten Lebensmitteln bestanden. Gründungsmitglied Anette Keuchel aus Freiburg sagt: "Wir wollen die Wertschätzung für Lebensmittel steigern. Die ist den Menschen abhanden gekommen." Über eine Crowdfunding-Kampagne hatten die Betreiber 27.000 Euro gesammelt und im Mai 2016 ihr Restaurant eröffnet. Das Vereinsteam bietet auch Workshops und Kochkurse an.
11. Die Kooperative "Gartencoop Freiburg"

Im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft sind deutschlandweit 120 Regio-Gruppen und Gartenkooperativen organisiert. In Tunsel gibt es beispielsweise den Bio-Betrieb Grünzeug GmbH, der auf zehn Hektar Fläche Ackerbau betreibt und eng mit dem fast 300 Mitglieder zählenden Verein Gartencoop Freiburg zusammenarbeitet.

"Wir möchten Nahrungsmittel nicht wie Waren behandeln." Lukas Friedrich, Gemüsegärtner
Das funktioniert so: Die Vereinsmitglieder nehmen dem Betrieb die Produkte ab, zahlen aber keinen bestimmten Preis dafür. "Wir möchten Nahrungsmittel nicht wie Waren behandeln", sagt Gemüsegärtner Lukas Friedrich. Vielmehr honorieren die Mitglieder die landwirtschaftliche Arbeit an sich und zahlen einen frei gewählten Beitrag, meist zwischen 400 und 2500 Euro im Jahr. Aus diesen Beiträgen finanziert der Betrieb dann Pacht, Anschaffungen und Gehälter. Außerdem helfen alle Mitglieder ein paar Tage im Jahr mit – auf dem Acker, im Vertrieb oder in der Küche. Die Erzeugnisse werden anschließend unter allen Mitgliedern aufgeteilt. Den Landwirten und Vereinsmitgliedern geht es um Selbstversorgung und Unabhängigkeit von der globalen Nahrungsmittelproduktion, sagt Friedrich. Produziert wird nach Plan. Überproduktion? Fehlanzeige! Und was kann man sonst tun?

Wer dazu beitragen will, weniger Lebensmittel wegzuwerfen, kann bequem zu Hause anfangen. Ein erster Schritt ist, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen. Muss man den Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) vor zwei Wochen abgelaufen ist, tatsächlich wegwerfen? Der Begriff des MHD ist irreführend und führt zu Verwechslungen mit dem Verbrauchsdatum. Letzteres kennzeichnet Lebensmittel, wie Hackfleisch oder frischen Fisch, die leicht verderblich sind. Es kann gesundheitsschädigend sein, wenn man Produkte verspeist, deren Verbrauchsdatums überschritten ist.

Beim MHD hingegen garantiert der Hersteller, dass sich Konsistenz, Aroma und Stichfestigkeit des ungeöffneten Produkts bis zum genannten Datum nicht verändern. Um auf Nummer Sicher zu gehen, legen Hersteller das MHD frühzeitig fest. Nach Ablauf des MHD ist es zwar möglich, dass die Lebensmittel faulen oder schimmeln – doch das tun sie in aller Regel erst Wochen oder Monate später, informiert die Verbraucherzentrale.

Laut Gesetz dürfen Händler Produkte auch nach Ablauf des MHD verkaufen, wenn sie dies entsprechend kennzeichnen. In der Praxis kommt es nur selten so weit: Denn die meisten Supermärkte nehmen ihre Produkte aus den Regalen – lange bevor das MHD überschritten ist.
Praktische Tipps

  • Bevor man Lebensmittel ungeöffnet in den Müll wirft, sollte man an ihnen riechen und sich auf seine Geschmackssinne verlassen. Riechen Produkte säuerlich, fischig oder prickeln auf der Zunge – lieber entsorgen.
  • Gemüse muss man richtig lagern: Staudensellerie hält sich im Kühlschrank in durchlöchertem Plastik gut. Für viele andere Gemüsesorten ist Plastik hingegen schlecht. Salate zum Beispiel bleiben bis zu einer Woche knackig, wenn man sie in ein angefeuchtetes Küchentuch rollt. Auch in mit feuchtem Küchenpapier ausgelegten Tupperdosen hält sich Gemüse deutlich länger.
  • Nicht wahllos den Einkaufswagen vollpacken, weil es gerade gute Angebote gibt. Sinnvoller ist es, seinen Einkauf zu planen: Wann, was und für wie viele Leute koche ich diese Woche?
  • Brot, Käse und Wurst bieten am Stück gesundheitsgefährdenden Keimen weniger Angriffsfläche als in Scheiben geschnitten. Von daher: Lieber ein scharfes Brotmesser und einen guten Käsehobel zulegen, als es sich schneiden zu lassen.
  • Und zu guter Letzt: Nicht mit leerem Magen einkaufen gehen. Hunger ist meist ein schlechter Ratgeber.

Was oder wer fehlt noch? Die Liste der Projekte und Initiativen ist mit Sicherheit unvollständig. Anregungen im Kommentarbereich sind willkommen.