1000 Jahre Wiehre: 20 Assoziationen

David Weigend

Die Wiehre wurde im Jahr 1008 erstmals urkundlich erwähnt. Beim Jubiläumswahnsinn wollen wir natürlich nicht hintanstehen. Hier kommen 20 Wiehremer Assoziationen, die vielleicht noch nicht jeder kennt.



Es gilt voranzuschicken, dass folgende Eindrücke rein subjektiver Natur sind. Kein Wasserschlössle, kein Annakirchle, kein Gernot Erler. Warum nicht? Weil das einfach den Rahmen sprengen würde. Dennoch viel Vergnügen.




01. Das Hexenhäusle

Dort, wo der Bergleweg auf die Ecke Mercy-/Lorettostraße trifft, steht das so genannte Hexenhäusle. Da stand es nicht immer. Besucher der oberrheinischen Gewerbeausstellung konnten es 1887 im Stadtgarten besichtigen. Damals befand sich das Fertighaus im Schweizer Kolonialstil des 19. Jahrhunderts noch am Hang des Schlossbergs.

Später kaufte es jemand so wie es war, ließ es in die Lorettostraße transportieren und am Hang des Berglewegs auf einem steinernen Sockelgeschoss wieder aufstellen. Von diesem Zeitpunkt an hieß das Haus "Chalet Widmer". Es ist immer noch bewohnt und steht unter Denkmalschutz.



02. Das Klischee

Boulespieler am alten Wiehrebahnhof an einem Dienstagnachmittag; gern gekleidet in Gore-Tex-Westen oder im Selbstgestrickten.



03. Das unterschätzte Café

Café Angst am Gerwigplatz. Traditioneller Treffpunkt von Fiek-Fahrschülern vor der praktischen Prüfung. Daher der Name (eigentlich Café Schneider).



04. Die gewesene Sitzgelegenheit

Anfang der 1980er Jahre standen vor der ehemaligen Umspannstation an der Ecke Urachstr. / Günterstalstr. / Prinz-Eugenstr. Bänke und auf diesen Bänken saßen Stadtstreicher, die Bier tranken. An heißen Tagen zogen sie sich manchmal aus, um am Brunnen eine Katzenwäsche vorzunehmen. Irgendwann wurden die Bänke entfernt, die Stadtstreicher haben sich verzogen. Den Brunnen gibt es noch.



05. Die alte Bahntrasse

"Bis in die 1920er Jahre wurden die Straßen Richtung Süden verlängert und wuchs die Wiehre weiter. Die Trasse der Höllentalbahn erwies sich dabei immer mehr als Hindernis, weswegen sie 1933–34 in den Süden verlegt wurde und nun die südliche Grenze der Wiehre bildet", heißt es im Wikipedia-Beitrag zur Wiehre.

Vom Alten Wiehrebahnhof aus führten die Gleise westwärts über die Günterstalstraße und verliefen weiter auf der heutigen Lorettostraße. "Da, wo heute die kleine Brücke über den Hölderlebach zur Waldorfschule führt, lagen auch die Gleise der alten Bahnlinie", sagt Torsten Geissler. In seinem Geschäft für Lederbekleidung an der Lorettostraße hat er einige Schwarzweiß-Fotografien von der alten Trasse aufgehängt. Auf obigem Bild sieht man einen Zug, der, von Osten kommend, im Begriff ist, die Goethestraße zu queren.



06. Mein Block

Nicht ganz der Vorstellung vom gutbürgerlichen Jugendstil entspricht dieser Wohnblock in der Richthofenstraße. Willkommen im so genannten Heldenviertel.



07. Wahlbezirk Mittelwiehre: Hochburg der Grünen

Hier einige ausgesucht gute Ergebnisse:
  • Europawahl 2004: 52,5 %
  • Kommunalwahl 2004: 34 %
  • Bundestagswahl 2005 (Zweitstimmen): 39,7 %
  • Landtagswahl 1996: 44,8 %
  • Landtagswahl 2006: 42,9 %



08. Die BP-Tankstelle an der Günterstalstraße

Esther Köpf (geborene Weiß) ist 61 und in der Wiehre aufgewachsen. Sie erzählt:

"Mein Vater Karl Weiß war KfZ-Meister und betrieb in den 1950er Jahren eine BP-Tankstelle mit Waschanlage an der Günterstalstraße. Sie befand sich da, wo heute der Aldimarkt steht. Wenn Schauinslandrennen waren, haben die Fahrer die Autos bei meinem Vater warten lassen. Einmal war auch der Rennfahrer und Weltmeister Stirling Moss da. Der war damals eine Größe.

Wir wohnten direkt gegenüber von der Tankstelle, neben dem Gasthaus zum Deutschen Kaiser, den gab es damals schon. Wir hatten auch ein kleines Vorgärtle. Allgemein gab es natürlich viel weniger Verkehr. Die einzige Lärmbelästigung war die Straßenbahn. Auf dem heutigen Aldiareal war damals auch ein Milchgeschäft. Da bin ich immer mit der Milchkanne rüber, die dann mit dem Schöpflöffel gefüllt wurde. Manchmal sind wir auch zum Reinhard, das war ein Delikatessengeschäft an der Johanneskirche, da ist heute ein Fahrradladen drin. Der Reinhard hatte im Gewerbebach ein seperates Becken mit Fischen drin."



09. Das älteste Haus

...das in der Wiehre steht, hat die Adresse Günterstalstraße 66. Jedenfalls vermuten das einige Viertelkenner. Rolf Sütterlin, der dort heute wohnt, sagt: "Es heißt, dass hier um 1798 ein Kutschunternehmen residiert haben soll. Reiche Bürger unternahmen am Wochenende gern Kutschfahrten. Sie ließen sich in der Wiehre abholen und fuhren dann nach Günterstal zum Kaffeetrinken. Hier in der Günterstalstraße gab es eine Scheune für die Kutschen, die Pferde waren im Keller untergebracht. Später dann war das Haus eine Gärtnerei. Inzwischen ist es natürlich renoviert."



10. Die grünste Fassade

Um diesen Titel streiten ohne Worte die Bewohner der Schwaighofstraße 3 (Foto) und der Goethestraße 40.



11. Der Teufel in der Johanneskirche

Edgar Habich, inzwischen pensioniert, ist eine Wiehremer Friseurinstitution gewesen. Uns erzählte er folgende Anekdote aus seiner Jugend:

"Ich war 12 Jahre lang Ministrant in Sankt Johann. Im Jahre 1949 mussten wir sechs Apostelstatuen von der Firma Hellstern am Steinhauerplatz (heute Weddigenstraße) zum Altar von St. Johann transportieren. Der Transport erfolgte durch Wägelchen mit Eisenrädern. Diese Wägelchen nannten wir ,Teufel'.

In der Kirche rief einer von den Steinmetzen zum Kollegen: "Bring mir mal den Teufel rüber!" Da kam der Prälat Föhr dazu und sagte: ,Ich verbiete es mir, diesen Namen in diesem Gotteshaus zu nennen!' Als wir den Prälaten über die Bedeutung unseres Teufels aufklärten, entschuldigte sich Föhr ausdrücklich."



12. Das schlimmste Dreisamhochwasser

Der Name Wiehre kommt von „Wehre“, mit denen auf dem Gebiet der heutigen Oberwiehre die Dreisam aufgestaut wurde, um trockenes Land zu gewinnen. Die Dreisam floss nicht immer so friedlich dahin wie dieser Tage. Am 9. März 1896 reißt ein verheerendes Hochwasser die Schwabentorbrücke fort.

Landeskommissar Karl Siegel und Geheimrat Leopold Sonntag, die die Brücke inspizieren wollten, finden den Tod. Das Jahrhunderthochwasser richtet entlang des gesamten Flusslaufs erhebliche Schäden an.



13. Das höchste Hochzeitsgeschenk

...ist der Hildaturm auf dem Lorettoberg. Er wurde 1886 zur Erinnerung an die Hochzeit des Badischen Erbgroßherzogs Friedrich mit Prinzessin Hilda von Nassau errichtet. Beide waren bei der Einweihung anwesend. Den Hildaturm kann man heute besteigen.



14. Musikalische Höhepunkte

Iron Maiden, World Slavery Tour, Support: Mötley Crüe, 23. Oktober 1984, Stadthalle Freiburg (Alter Messplatz); Depeche Mode, 23. November 1984, ebenda.



15. Der gruseligste Spielplatz

...liegt an der Erwinstraße Ecke Dreikönigstraße und war einst ein Friedhof. Einige Gräber befinden sich immer noch da, etwa jenes des Badischen Revolutionärs Johann Maximilian Dortu. Er wurde an dieser Stelle am 31. Juli 1849 von preußischen Truppen erschossen. Heute spielen hier Kinder.



16. Die krasseste Gruppe

...bilden mit Abstand die Christusmäuse: Angehörige der Christusgemeinde im Alter von 5 und 6 Jahren singen für den Herrn.



17. Das einzige öffentliche Damenfreibad Deutschlands

...ist das Damenbad im Lorettobad. Es existiert seit 1886 (das Lorettobad übrigens schon seit 1841). Wiehremer Männer kennen es höchstens aus dem Windelalter oder von nächtlichen Badetrips.



18. Die höchste Hecke

...die ein Haus in der Wiehre abschirmt, steht vermutlich in der Prinz-Eugen-Straße vorm Domizil eines Ex-Bürgermeisters. Die Wiehre ist laut Klaus Winkler vom Bürgerverein übrigens der Stadtteil, in dem die meisten Oberbürgermeister gewohnt haben.



19. Die größten Abräumer

...sind die Kegler von SV Blau-Weiß Wiehre. Wir gratulieren dem amtierenden Meister!



20. Das Swamp um 1910

Die bekannteste Musikkneipe der Wiehre vor knapp 100 Jahren. Damals befand sich in der Talstraße 90 eine Filiale des Lebensbedürfnis- und Produktivvereins.