100 Jahre Freiburger Theater: Hirnstücke

Stephan Elsemann

Das Freiburger Theater feiert sein 100-jähriges Bestehen auch mit einem Blick zurück in die Zukunft. Zwei neue Stücke beschäftigen sich mit Biotechnologie. Oliver Müller ist als wissenschaftlicher Berater bei den Produktionen dabei, vermittelt zwischen Bühne und Wissenschaft und erklärt uns, worum es in "Mein prähistorisches Hirn" geht.



Herr Müller, warum interessiert sich das Theater für Biotechnologie?

Es ist ein Thema, das ethische Fragen aufwirft und viele Menschen beunruhigt. Dabei geht es auch um die Optimierung des Gehirns auf neurologischem Wege, sogenanntes Neuro-Enhancement. Bekanntestes Beispiel ist das Gehirndoping mit dem Medikament Ritalin.

Es gibt in Freiburg aber auch einen Schwerpunkt für Neurowissenschaften. Freiburger Forscher sind führend, was Mensch-Maschine-Komplexe angeht. Neuronale Prothesen werden hier entwickelt. Mit direkt aus dem Hirn abgeleiteten Nervenimpulsen kann man Maschinen steuern, die theoretisch ganz wo anders stehen können. Es heißt zwar Prothesen, ist aber was ganz anderes und viel weitreichender.

 



Wie ging man am Theater vor?

Die Auseinandersetzung mit einer drastischen Therapie für Parkinsonkranke, der Tiefenhirnstimulation, war der Einstieg in die Entwicklung der Stücke. Bei dieser Therapie setzt man Elektroden tief ins Hirn und das Zittern geht weg. Es ist aber ein sehr weitreichender Eingriff.

Helmut Dubiel, ein Soziologe und Parkinsonkranker, berichtete von seinen Erfahrungen mit der Therapie. Zwar ging sein Zittern weg und er wurde auch fröhlicher. Dafür konnte er aber schlechter Vorträge halten und schaltete die Elektroden dafür wieder ab. Wenn er laufen wollte, musste er die Elektroden wieder einschalten. Das Gehirn ist so komplex, da verändert man immer gleiche mehrere Dinge.

Die fröhliche Wissenschaft. Wie wurde das dann umgesetzt?

Beim "prähistorischen Hirn" hat Andreas Liebmann einen schwer Parkinsonkranken ein Jahr lang beobachtet und Gespräche mit ihm geführt. Daraus entstanden dann fiktive Spielszenen, die den Kampf mit der Krankheit inszenieren als Kraftakt eines Menschen, der mit Hilfe seines Wissens die Auswirkungen seiner Krankheit besiegen will.



Beim zweiten Stück "Als wir Menschen waren" wollten wir noch einen Schritt weiter gehen und den Blick zurück auf die Zukunft versuchen. Viele Fragen werden angerissen. Was machen die Technologien mit uns? Was bedeutet es, wenn wir unsere Gefühlszustände manipulieren können? Was ist der Mensch, der sich selbst als Maschine begreift? Was sind die ethischen und gesellschaftlichen Perspektiven aus den Wissenschaften? Auch Theorien der Transhumanisten, den Menschen mittels Technologie unsterblich zu machen, wurden im Stück verarbeitet. Es enstand daraus eine Collage aus Science-Fiction-Texten, Interviews und Spielzenen für zwei Männer und zwei Frauen.

Mehr dazu:

100 Jahre Freiburger Theater

Mein prähistorisches Hirn

Samstag, 9. Oktober 2010 und am 12. Oktober 2010 um 18 Uhr
auch am 12.10, 18 Uhr, 14.10., 21.10., 26.10., 28.10., 30.10. um 21 Uhr Eintritt: 14 Euro und 8 Euro ermäßigt, außer Premiere
Unversität Freiburg, Hörsaal Rundbau, Albertstraße 21 (Institutsviertel)

Als wir Menschen waren

Samstag, 9. Oktober 2010, 20 Uhr
auch am 12.10., 13.10., 16.10, 7.11., 20.11. um 20 Uhr Eintritt: 22 Euro & 18 Euro, 8 Euro ermäßigt außer Premiere
Theater Freiburg, Kleines Haus

[Fotos: Maurice Korbel, Stephan Elsemann]