Interview

10 Jahre Great Räng Teng Teng: Torpedo Tom erinnert sich an die besten Momente

Valentin Heneka

Am Wochenende feiert das Great Räng Teng Teng zehnjähriges Jubiläum. Thomas Grigat alias Torpedo Tom ist in dem Kellerclub in der Freiburger Innenstadt seit Anfang an für Programm und Theke verantwortlich und hat ihn mit seiner musikalischen Handschrift maßgeblich geprägt.

Wie beschreibst du einer Person, die noch nie da war, die perfekte Nacht im Great Räng Teng Teng?

Thomas Grigat: Zuerst gibt es da eine Band, deren Namen du unter Umständen noch nie gehört hast, die dich überrascht und dir gezeigt hat, dass es noch viel zu Entdecken gibt. Im Anschluss wurdest du von einem oder zwei DJs bestens unterhalten. Auch sie zeigen dir, dass es viel mehr gute Musik gibt, als du dachtest.

Wir haben unzählige Kloschüsseln und Waschbecken ersetzt. Thomas Grigat

Christian Rotzler eröffnete das Räng 2008 plakativ als Anti-Lounge, statt pseudo-schicker Afterwork-Party sollte es einen ehrlichen Vollrausch und Rock’n’Roll geben. Ließ sich das zehn Jahre lang durchziehen?

Thomas Grigat: Den Pressetext damals habe ich geschrieben und fand den auch ganz toll. In der Praxis bin ich davon zunehmend zurückgerudert. Ehrliche Vollräusche führen leider auch zu Entgleisungen, die wir nicht tolerieren. Meine Cluberfahrung zeigt einerseits, dass alles, was kaputt gemacht oder geklaut werden kann, kaputt gemacht oder geklaut wird. Einfach nur weil es geht. Wir haben unzählige Kloschüsseln und Waschbecken ersetzt. Aber auch sexuelle Übergriffe sind eine Begleiterscheinung. Bei uns sollen alle eine gute Zeit haben. Daher ist es uns wichtiger, dass sich Männer Frauen gegenüber anständig benehmen, als dass sie bei uns einen ehrlichen Vollrausch zelebrieren können. Die Täter fliegen raus. Dass Alkohol und Rock’n’Roll eine Rolle spielen, ist schwer zu leugnen. Teilweise auch angereichert um Kultur: Bei der Lesebühne Das große Ereignis ist Alkohol im Spiel und bei der Top oder Flop-Show, bei der Schallplatten entweder versteigert werden oder unter der Guillotine landen, wird das Publikum mit Schnaps biet-freudig gemacht.

Du buchst den Großteil der Bands, die im Räng auftreten. Nach welchen Kriterien entscheidest du, wer bei euch spielt?

Thomas Grigat: Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Business und Soul. Ich muss hinter einem Konzert stehen, um ein guter Promoter zu sein. Andererseits gibt es Bands die mir nicht gefallen, die aber funktionieren würden, egal wie blöd ich mich anstelle. Da würde mir aber die Seele fehlen. Es kommt immer wieder vor, dass man mit einem Gig ein paar hundert Euro verbrennt. Christian Rotzler hält mir zum Glück den Rücken frei und ich bin kein Freelancer mehr, der auf eigenes Risiko veranstaltet. Wenn aber zu viele Konzerte in Folge schlecht laufen, sucht sich Chris vielleicht einen anderen Programmgestalter. So führt der Business-Aspekt dazu, dass ich als Garage-Fan kurz davor bin zu sagen, dass The Courettes die letzte Garage-Band waren, die ich gebucht habe. Weil in Freiburg niemand kommt.

Sie haben versucht sich gegenseitig zu übertrumpfen wie in einem Boxkampf. Thomas Grigat

Was waren deine persönlichen Highlights in zehn Jahren Great Räng Teng Teng?

Thomas Grigat: Hinsichtlich Partys gab es sehr viele Highlights. Dazu zählen die Aufeinandertreffen von Hank the DJ und Boogaloo Bob. Beide haben grundverschiedene musikalische Hintergründe, Boogaloo Bob ist in Soul, Funk und Jazz zu Hause, hat aber auch eine Punk-Vergangenheit. Hank the DJs Musikauswahl umfasst einfach alles, Punk, Pop, Schlager, 80er-Jahre Indie.

An den zwei Abenden, an denen sie bisher zusammen aufgelegt haben, haben die sich richtig gejagt. Sie haben versucht sich gegenseitig zu übertrumpfen wie in einem Boxkampf. Teilweise war es gemein, was sie dem Publikum angetan haben. Mit harten Brüchen haben sie Genregrenzen komplett weggefegt. Gleichzeitig war der Groove so zwingend, dass es ein Genuss war. Das versuchen wir am Samstag im Rahmen des Jubiläums zu wiederholen.

Über mehrere Meter Distanz schrien sich Chico und Bonehead gegenseitig an. Thomas Grigat

Nicht der beste Auftritt, aber der mit dem spektakulärsten Nachspiel fand im zweiten Jahr mit einer Kapelle aus Manchester statt, deren Namen ich nicht mehr weiß. Chico vom Swamp war der Veranstalter. Die Band hatte Paul "Bonehead" Arthurs, Gründungsmitglied von Oasis, dabei und kotzte nach dem Konzert das Hotel voll. Da Chico dafür nicht aufkommen wollte, mopste er sich Boneheads Verstärker und wollte diesen erst wieder rausrücken, nachdem die Reinigungskosten beglichen waren. Daran hatte Bonehead allerdings kein Interesse.

Es kam zum Western-tauglichen Showdown: Chico kam in die Grünwälderstraße gefahren und stand dort dem Van der Band gegenüber. Über mehrere Meter Distanz schrien sich Chico und Bonehead gegenseitig an. Die Sache gipfelte in Boneheads Ausspruch in breitestem Mancunian-Slang, dass der Verstärker eine Spezialanfertigung und mehr wert sei, als seine eigenen Kinder. Chico hat dann klein beigegeben.

Ein weiteres Highlight für mich war der Auftritt von Kinky Friedman, dem jüdischen Cowboy. Dass wir es geschafft haben, ihn ins Räng zu holen, gilt für mich als Ehrennadel für den unbekannten, kleinen Veranstalter.
Verlosung

Unter allen Mitgliedern in fudders Club der Freunde verlosen wir 2x2 Gästelistenplätze für das Jubiläumswochenende im Great Räng Teng Teng:
  • 1 x 2 Gästelistenplätze für Freitag, 9. November 2018, 21 Uhr, mit der Soul-Band The Schogettes aus Mannheim, den Indie-Rockern von The Dead Lovers aus Berlin und DJ Mr. Brightside.
  • 1 x 2 Gästelistenplätze für Samstag, 10. November 2018, 21 Uhr, mit der Post-Punk- und Shoegaze-Combo Girls Names aus Belfast, den Ex-Freiburgern von The Deadnotes sowie den DJs Boogaloo Bob und Hank the DJ.
Um zu gewinnen, schicke eine E-Mail mit deinem Namen und dem Betreff "The Great Räng Teng Freitag" oder "The Great Räng Teng Samstag" an gewinnen@fudder.de.
Mitglied in fudders Club der Freunde kannst Du hier werden.

Sollten zu wenige Club-Mitglieder an der Verlosung teilnehmen, werden die Plätze unter den restlichen Einsendungen verlost. Teilnahme ab 18 Jahren, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss ist Freitag, der 9. November um 12 Uhr. Die Gewinnerinnen oder Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt.

Hat sich das Ausgehverhalten in den letzten zehn Jahren verändert?

Thomas Grigat: Unter der Woche ist weniger los, vermutlich wegen Bachelor und Master. Aber das ist ein bundesweiter Trend. Grundsätzlich habe ich auch den Eindruck, dass sich alles in Richtung Event-Kultur verlagert. Gerade das jüngere Publikum möchte eine Garantie haben, dass eine Veranstaltung ein besonderes Event und knackevoll ist. Einen "normalen" Clubabend zu promoten, ist deutlich schwerer geworden.

Vielen Gästen scheint es mittlerweile egal zu sein, wo sie sind und welcher Sound läuft, solange sie dort sind, wo alle sind. Das führt dazu, dass die ersten Gäste oft ihre Köpfe reinstecken, sehen, dass noch nichts los ist und wieder gehen. Das wiederholt sich ungefähr acht Mal. Bloß nicht bleiben, wo es uncool ist. Wären alle dageblieben, wäre die Party schon am Laufen. Stattdessen stecken sie ihre Köpfe am Abend in elf Clubs. Wie auf dem Handy wird schnell weitergewischt, nächster Club. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ich gehe ins Swamp, den Slow Club oder die Beat-Bar, weil ich dort sein will. Ob außer mir fünf oder 50 da sind, ist mir egal.

Es gibt nichts, was so unbeständig ist wie das Nachtleben. Thomas Grigat

Wenn das aktuell von der Kündigung bedrohte White Rabbit schließen müsste, wären außer dem Räng kaum noch innerstädtische Clubs für Nischenkonzerte übrig. Wie bewertest du das?

Thomas Grigat: Der Hase ist eine riesige Bereicherung und es wäre traurig, wenn es soweit käme. Wir stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern sind Brüder und Schwestern im Geiste. Ein Lichtblick wäre, wenn dadurch mehr Leute unsere Nischenkonzerte besuchen würden. In diesem Jahr waren unsere Publikumszahlen von Frühjahr bis Herbst zu niedrig. Aber ein Publikum wandert ja nicht geschlossen in einen anderen Club, sondern verteilt sich auf Slow Club, KTS und so weiter. Vielleicht hätte es auch den positiven Aspekt, dass in der KTS ein Erneuerungsprozess einsetzt, dort soll es ja seit Jahren ziemlich verkrustet sein. Wenn solche Effekte eintreten würden, fände ich das natürlich nicht schade, aber zunächst einmal wäre ein Aus des Hasen traurig.

Was ist euer Rezept gegen sinkende Publikumszahlen?

Thomas Grigat: Wir gestalten das Programm seit Längerem um. Seit Schließung des Balz-Bambii findet beispielsweise Flowing Vibes’ Reggae- und Dancehall-Party Rebel Music bei uns statt. Auch Hip-Hop-Partys, wie sie jetzt mit Funk Messiah und DJ Namean stattfinden, waren im ursprünglichen Konzept nicht vorgesehen. Letzte Woche kam mit der Indie-Pop-Party King Kong Kicks ein weiteres spannendes Format hinzu. Auch Dan Dynomite, Experte für rare Funk-Platten, wird in Zukunft regelmäßig im Räng auflegen.

Und dann wird es auch einen 15. und 20. Räng-Geburtstag zu Feiern geben?

Thomas Grigat: Es gibt nichts, was so unbeständig ist wie das Nachtleben. Vielleicht ändern wir auch den Namen, streichen neu, kleben uns falsche Bärte und behaupten, wir wären etwas ganz Neues.
Zur Person:

Thomas Grigat (47) ist seit zehn Jahren als Kulturmanager im Great Räng Teng Teng für Programmgestaltung, Bandbetreuung, Technik, Theke und mehr verantwortlich. Unter seinem DJ-Pseudonym Torpedo Tom legt er, etwa bei seinen Beatsalon-Partys, seltene Scheiben aus den 60er-Jahren auf. Er ist Keyboarder der Freiburger Surf-Band Leopold Kraus Wellenkapelle.

Disclaimer: Der Autor legt gelegentlich selbst im Great Räng Teng Teng auf.

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